Platz 10 Fußballbuch 2006
Literatur Fußballbuch

Vorne fallen die Tore

Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Jürgen Klinsmann (2006)
Platz 10 Fußballbuch des Jahres 2006
© ©Gunter Glücklich
Fischer Verlag
8,00 Euro

Rezension zu: Vorne fallen die Tore

Ludger Schulze

In der wunderbaren, später vom Kommerz verschluckten Kulturzeitschrift „Transatlantik“ schrieb im Juli 1990, just als das wiedervereinigte Deutschland auf dem Boden der italienischen Hauptstadt Weltmeister (das geht auch andersherum) geworden war, schrieb Reinhard Hesse einen kleinen, feinen Text über „Unsere armselige Fußball-Literatur“. Hesse wusste, wovon er sprach, er war Redakteur dieses wunderbaren Magazins, vorher als Kriegsberichterstatter der „taz“ im Libanon gewesen, später Feuilletonist der „SZ“ und Reporter der „Woche“, Kosmopolit und Bonvivant, und in seinen letzten Lebensjahren der Kopf hinter der rot-grünen Regierung als Redenschreiber von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Vor allem aber war Reinhard Hesse ein glühender Anhänger von Hannover 96, trotzdem verstand er viel vom Fußball. Und von der Literatur. Seine Klage über den miserablen Zustand der Kombination aus beidem gipfelte in einem Befehl an „die Talente im schreibenden Fußballgewerbe“: „Ran an die Geräte, Jungs, schreibt Romane!“

Es sind tatsächlich einige rangegangen an die Geräte, Rainer Moritz etwa, und er hat, zwar keinen Roman, aber doch die besten Geschichten aus rund 5000 Jahren Fußball-Historie zusammengetragen. Das geht vom „bestickten Gürtelkick“ der alten Chinesen über den dringlichen Vorschlag einer österreichischen Zeitung, in Simmering (laut dem verstorbenen Kabarettisten Helmut Qualtinger ein äußerst gefährlicher Ort: „Stierkampf? Matte Sache, Simmering gegen Kapfenberg, das nenn ich Brudalidäd“) bis zur in Belgien gewonnenen Erkenntnis, dass sexuell enthaltsame Fußballer länger durchhalten.

Es mag Leute geben, denen diese Sammlung nicht gefällt. Dann verstehen sie nix vom Fußball, oder nix von der Literatur. Die Anekdoten und Erzählungen, die Interviews und Selbstgespräche baden in der Freude am Absurden, Bizarren, sie sind zum Umfallen komisch, und zum Heulen traurig. Oder ist die Geschichte etwa nicht traurig, wie der weltreisende Trainer Rudi Gutendorf dem verschämt-naiven Rechtsaußen Reinhard Libuda beizubringen versuchte, wie der seine Rolle anlässlich eines Europapokalspiels in Irland gegenüber britischen Presseleuten erklären sollte: „I am the right wing.“ Libuda, die verwirrte Seele, wurde tatsächlich gefragt. Er sagte: „I am the white ring.“

Moritz, heute Chef des Hamburger Literaturhauses, hat eine Perle ans Licht der Welt gebracht, das Buch ist obendrein noch lehrreich, natürlich, der Mann ist ja jahrelang als Schiedsrichter tätig gewesen. Sein Buch ist so wichtig wie der Fußball und so überflüssig wie - genau.

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