Platz 11 Fußballbuch 2013
Literatur Fußballbuch

Unter Spielern - Die Nationalmannschaft

Mit Texten von Hacke, Axel, Ostermaier, Albert, Sauerländer, Willibald. Vorwort von Bierhoff, Oliver (2012)
Platz 11 Fußballbuch des Jahres 2013
Hatje Cantz Verlag
29,80 Euro

Rezension: Unter Spielern

Birgit Schönau

Fußball ist bunt. Regina Schmeken fotografiert schwarz-weiß. Das ist aber nicht das einzige, was den aus ihrer Ausstellung „Unter Spielern“ hervorgegangenen Band mit Fotografien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft besonders macht.

Denn besonders ist vor allem Schmekens ganz eigener Blick. Sie bildet nicht die Inszenierung des Fußballs ab, sondern inszeniert selbst. Deshalb erscheinen die Nationalspieler bei ihr wie Schauspieler auf einer Bühne, die von der Fotografin selbst erschaffen wird. Sie wählt die Ausschnitte: die Beine des Toni Kroos mit dem Ball vorm Mittelkreis – das Spiel Deutschland-Niederlande 3:0 ist nebensächlich. Die tänzerische Konzentration von Mats Hummels bei Österreich-Deutschland, auch hier ist das Match ebenso egal wie das Resultat oder auch nur der Zeitpunkt des Spiels. Schmekens Bilder sind zeitenthoben, zeitlos. Wie Momentaufnahmen aus einem Spiel, das keinen Anfang kennt und kein Ende, sondern immer weiter geht.

Nun sind Momente im Fußball immer Augenblicke der Emotionen. Aber nicht bei Schmeken, obwohl sie doch mit der Nationalmannschaft den scheinbar stärksten Emotionsträger des deutschen Fußballs abbildet. Doch die in der Fußball-Fotografie wie in der Textreportage weit verbreitete folkloristische Attitüde sucht man bei ihr vergebens, ebenso wie eine ebenso beliebte, oft effektheischerische Form der Ironie. Ihre Fotos sind kühl durchkomponierte Kunstwerke, die den Fußball als sehr ernsthaftes Produkt sorgfältiger Kopfarbeit erscheinen lassen. Da gibt es keine zufälligen Bewegungen, die Mannschaft spielt eher wie ein Orchester, dessen Dirigent Joachim Löw, ob inmitten des Teams oder als Stratege am Spielfeldrand, mit voller Anspannung und tiefem Ernst die Einsätze erteilt.

Schön sind Schmekens Bilder. Selbst, wenn die Spieler zu Boden gehen, wie Arne Friedrich oder Marco Reus, so tun sie das in vollendeter Ästhetik. Nichts riecht hier mehr nach Männerschweiß, nichts klingt nach dem harten Zusammenprall, nach Grätschen, Fouls und Flüchen. Diese Bilder stilisieren den Fußball zu einem stillen, schönen Sport, in dem selbst das Publikum als kunstvoll zusammengesetzte Stadion-Kulisse fungiert. Verniedlichend wirkt das nicht, eher in seinem Purismus verstörend. Derart enthoben hat man Fußball noch nie gesehen, derart ästhetisch ist noch nie ein Tor weggetragen worden wie auf dem Bild von einem Einsatz in Istanbul, als auf der einen Seite fünf, auf der anderen vier Spieler den Kasten über den Platz tragen als wäre es eine Reliquie auf einem mittelalterlichen Altarbild. Dazu passt, dass der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer das Nachwort in Schmekens Band schreibt – und der ungleich leichtfüßigere Axel Hacke einen wunderbar poetischen Beitrag zum Begriff der Mannschaft.

Denn es geht der großen Porträtfotografin Schmeken nicht um die Gesichter der Spieler. Die ähneln sich plötzlich bis zur Austauschbarkeit. Aber nicht Individualität ist hier das Thema, sondern eben die Mannschaft als ästhetisches Mosaik von Einzelfiguren. Regina Schmekens Nationalspieler ähneln nicht modernen Showstars in einer globalisierten Unterhaltungsindustrie, sondern antiken Statuen. Wie elegante Archetypen einer Begeisterung für das exakte Spiel, die perfekte Bewegung, die vielleicht so alt ist wie die Menschheit selbst. In Schmekens Bildern sind die Akteure ganz bei sich, schwerelos, zeitlos, lautlos. Und der Fußball, diese Projektionsfläche für die abgenutztesten Klischees, wird endlich zur reinen Mannschaftskunst, bei der die Wahrheit nicht auf dem Platz liegt. Sondern im Auge des Künstlers. Und

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