Platz 5 Fußballbuch 2012
Literatur Fußballbuch

Unser Mann in London

(2012)
Platz 5 Fußballbuch des Jahres 2012
Rowohlt Taschenbuch
9,99 Euro

Rezension: Unser Mann in London

Ludger Schulze

Es gibt, siehe Autoren-Nationalmannschaft, einige Schreiber, die recht gut kicken können. Kicker, die gut schreiben können, gibt es eher nicht ... halt, einen schon. Moritz Volz, 29 Jahre alt, beim Zweitligisten 1860 München als Verteidiger tätig, hat ein Buch geschrieben, das man mit vielen schönen Adjektiven bedenken könnte – witzig, ironisch, liebevoll, mitunter melancholisch und so weiter –, aber am besten liest man es selbst und wird feststellen: Es aus der Hand zu legen, ehe man auf der letzten Seite angekommen ist, fällt verdammt schwer.

Moritz Volz ging mit 16 Jahren vom FC Schalke 04 nach London, zu Arsène Wengers FC Arsenal, und was für ein außergewöhnlicher Junge er damals schon war, zeigt sich im Abschiedsgespräch mit Schalke-Manager Rudi Assauer – da brachte er statt eines Spielerberaters seinen kleinen Bruder mit: „Damit der so was auch mal kennenlernt.“ In einem Londoner Außenviertel wird Moritz untergebracht bei der Familie Flint, deren Sohn ihn mit dem einzigen deutschen Satz begrüßt, den er konnte: „Ich heiße Noel und spiele Dudelsack.“

Volz` Büchlein ist nicht nur zum Kugeln komisch, es ist überdies informativ, weil es wunderbare Einblicke in die Kabinen-Gebräuche englischer Profi- und Jugendmannschaften bietet. So erfährt man beispielsweise, dass Wärmecreme, flächig verteilt in der Unterhose des Spind-Nachbarn, zu den Initiationsriten gehört. Und als Deutscher muss der junge Volz besonders leiden. Je tiefer die Scherze, die sich in der Regel um Nazi-Großväter, Bratwürste und Mülltrennung drehen, unter der Gürtellinie landen, desto lustiger – für die anderen.

Moritz Volz lernt schnell, dass er nur dann Respekt gewinnt, wenn er die Kollegen mit deren Waffen schlägt. Also wird Moritz Volz englischer als die Engländer. „Unser Mann in London“ beschreibt total schräge Typen, seine Anekdoten, Beobachtungen und Erlebnisse triefen vor Ironie, Selbstironie und beißendem Humor, er trifft diesen speziellen britischen Ton haargeau. Nachdem er einmal ein Tor erzielt, aber wieder nicht an den extra einstudierten, vom Siebzigerjahre-Torjäger Mick Channon abgekupferten Jubel gedacht hatte, das einarmige Kreisen des rechten Arms nach Art der Windmühle, wartete die gesamte Londoner Sportpresse vor der Umkleide. Ganz schön viel Wind um mein drittes Tor in dreieinhalb Jahren, dachte sich Volz. Die Journalisten klärten ihn auf. Er hatte Geschichte geschrieben, respektive geschossen – es war das 15 000. Tor in der Historie der Premier League gewesen. Den Torjubel holte er dann später nach, am Ende der Festrede zur eigenen Hochzeit rannte er durch den Saal und ließ den Arm kreisen: „Da ich mich heute fühle wie nach dem schönsten Tor, möchte ich gemeinsam mit euch jubeln.“

Selbst die Engländer fanden den deutschen Klapprad-Fahrer, Kuchenbäcker und David-Hasselhoff-Imitator, als der er sich im Laufe des Buches nach und nach erweist, ungewöhnlich skurril. Die „Times“ ließ ihn eine Kolumne schreiben, wie exotisch der Alltag auf der Insel einem Deutschen anmutet, und der „Guardian“ notierte verblüfft: „Er ist ein Deutscher mit Sinn für Humor. Mehr noch, er ist ein deutscher Fußballer mit Sinn für Humor.“

Moritz Volz ist – auch – ein klasse Fußballer, er hat rund 150 Spiele in der Premier League absolviert und unter Jürgen Klinsmann beinahe ein Länderspiel, und er erfüllt alle Voraussetzungen für die Nominierung in die deutsche Autoren-Nationalmannschaft. Wobei vielleicht dort die Frage zu klären wäre, ob er nun der bessere Schreiber oder Fußballer ist.

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