Platz 1 Fußballbuch 2006
Literatur Fußballbuch Fußballbuch des Jahres

Über Fußball

(2006)
Platz 1 Fußballbuch des Jahres 2006
Bombus Verlag
16,90 Euro
978-3936261462

Rezension: Über Fußball

Stefan Erhardt

Dass Jorge Valdano als Spieler, mehr noch als Trainer zu den Koryphäen des Fußballs weltweit zählt, gehört mittlerweile zum Standardwissen. Dass er eloquent und intelligent sein Fußball-Wissen unter allen Interessierten ausbreiten kann, ist ebenfalls aus zahlreichen Artikeln bekannt. Wie tiefgründig und gleichzeitig feinsinnig aber seine Fußballweisheit zu goutieren ist, wenn sie geballt dahergebracht wird, war bislang noch nicht nachzuvollziehen.Dies hat der Münchner bombus-Verlag mit dem ganz und gar bescheiden-unpathetisch-sympathisch betitelten Buch „Über Fußball“ geschafft – dem ersten Buch von Jorge Valdano in deutscher Übersetzung. Es ist eine Perle in der an Zahl geringen Menge an Büchern, die sich nicht nur mit Namen, Daten, Zahlen und Taktiken beschäftigen, sondern einen geradezu ästhetischen Einblick in eine ganz bestimmte Sicht auf Fußball gewähren.

Der Rahmen spannt sich: von Betrachtungen zum lateinamerikanischen und europäischen Fußball über die Erkenntnisse zu Spielertypen und Trainern bis zu den modernen Begleit-Erscheinungen des Spiels, sprich Medien und Ökonomie. Um zu enden mit ganz persönlichen Reminiszenzen und Gedanken zu einem „Leben für den Fußball“.

Auch wenn das Buch zusammengesetzt ist aus diversen Artikeln für Zeitungen und Radio, liest es sich doch wie eine fast schon geschlossene Philosophie – Valdano (und das ist für die deutsche Fassung auch ein Verdienst des Übersetzers Andreas Löhrer) vermag zu formulieren, treffend zu formulieren, zu analysieren, auf den Punkt zu bringen, ironisch zu pointieren und zu beschreiben, wie es sonst in Sachen Fußball-Buch-Literatur schwerlich zu finden ist: Fußball-Philosophie in bester Prosa.


Seine Analysen und Wertungen wird nicht jeder zu jeder Zeit mittragen können oder wollen; trotzdem sind sie in sich stimmig, leidenschaftlich in ihrer zum Teil epischen Breite, dann wieder lakonischen Kürze, und dank der großen Erfahrung des Autors voller Bezüge und Parallelen, die Fußball-Geschichte am Beispiel greifbar werden lassen.

Wo auch würde man mit einem Satz rechnen wie: „Es ist nicht leicht, ein großer Torwart zu werden. Einen großen Torwart stelle ich mir gerne gleichmütig vor, wie jemanden, der unter einer alten Bahnhofsuhr wartet.“ Es ist dieser nonchalante, leicht verrätselnde Ton, den Valdano auch anschlagen kann, und der dem Buch seine stellenweise Leichtigkeit gibt.

Bei aller Besessenheit vom Fußball fehlt es aber auch nicht an Distanz: Valdano verschließt nicht die Augen vor den unschönen Entwicklungen im Profi-Fußball der heutigen Zeit; und er wird nicht müde zu betonen, dass es letztlich um ein Spiel geht: ein Spiel, das „ein wenig Glück verschaffen“, „Flucht aus dem Ernst des Lebens sein“ und helfen kann, „Freundschaften zu schließen“; ganz im Gegensatz zu denen, für die nur das Ergebnis zählt: „diese Gier nach Ergebnissen ist typisch für Leute, die die Welt in Herrscher und Beherrschte, in Reiche und Arme, in Weiße und Schwarze und in Sieger und Verlierer aufteilen.“
Spätestens an dieser Stelle wird klar: Valdano begreift Fußball auch im Kontext Existenz und Politik - als quasi politikabgewandte Seite unseres Lebens. Nicht von ungefähr endet das Buch mit dem Satz: „Letztendlich spielen wir, um wieder Kinder zu werden.“ Und das ist auch ein politischer Satz.

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