Platz 6 Fußballbuch 2012
Fußballbuch Literatur

Totalniy Futbol

Übers. von Palmes, Lisa (2012)
Platz 6 Fußballbuch des Jahres 2012
Suhrkamp
18,00 Euro

Rezension: Totalniy futbol

Michael Wulzinger

Dreimal spielte die deutsche Nationalmannschaft in der Gruppenphase der Europameisterschaft in der Ukraine – zweimal in Lwiw, dem früheren Lemberg, einmal in Charkiw –, und dreimal dasselbe Bild: Kaum war die Partie beendet, strömten Tausende deutscher Fans zum Flughafen, wo bis zum Morgengrauen Hochbetrieb herrschte. Nichts wie zurück nach Düsseldorf. Als sei die Ukraine jenseits der Carlsberg-Bierbuden, die von der Uefa rund um die hypermodernen Stadien drapiert worden waren, Sperrgebiet.

Vielleicht hatte der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan Szenen wie diese vorausgesehen, als ihm die Idee zu seiner Anthologie „Totalniy Futbol“ kam. Dass Menschen, Fußballreisende zumal, häufig voreingenommen sind. Dass sie nur essen, was sie kennen. Dass die acht polnischen und ukrainischen Gastgeberstädte der ersten EM in Osteuropa für viele Fans aus dem Westen allenfalls Touch-Down-Areas am Spieltag sein würden.

Wer Zhadans Erzählband vor dem Turnier gelesen hat, saß wenige Stunden nach Abpfiff sicher nicht in einer Chartermaschine auf dem Rückflug nach Deutschland. Und wer es danach liest, wird neugierig, und will sich auf den Weg machen: nach Danzig, Warschau, Posen, Breslau, Lemberg, Kiew, Charkiw, Donezk.

Das Buch ist eine Entdeckung. Acht polnische und ukrainische Schriftsteller – unter ihnen der 1974 geborene und heute in Charkiw lebende Zhadan, einer der renommiertesten Autoren seines Heimatlandes – porträtieren jeweils eine EM-Stadt und ihren Bezug zum Fußball. Es sind Kindheitsgeschichten. Es sind Liebesgeschichten. Es sind Geschichten, die den dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen Kontur geben, die Polen und die Ukraine in den vergangenen Jahrzehnten erfasst haben; es sind wehmütige Geschichten, und es sind ergreifende Geschichten.

Eine der schönsten spielt in Pawel Huelles Danziger Erzählung „Wie Herr Janek Legia Warschau besiegte“. Der Ich-Erzähler beschreibt, wie er 1989 in Wrzeszcz, einem Vorort von Danzig, in einem damals neu eröffneten irischen Pub, dem „ersten Laden in diesem Teil der Stadt, in dem es wieder Bier und Gesellschaft gab“, einen Stammtisch gründete, den er Hrabal-Akademie nannte. Jedes Mal war ein Gast geladen. Er sollte eine Geschichte erzählen, und wenn die Akademie-Mitglieder fanden, es sei eine gute Geschichte, bezahlten sie seine Rechnung. „Wenn die Geschichte nicht gefiel, musste er selbst zahlen, für sich und ... für alle anderen. Korruption war ausgeschlossen. Es ging lediglich um das Erzählen, die reine Freude an der gesprochenen und gehörten Literatur. Der mündlich überlieferten Literatur.“

Man liest es, man verschlingt es, und man fragt sich: Was wollten die deutschen Fußballfans am Tag nach den Gruppenspielen der DFB-Auswahl eigentlich wieder zuhause?

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