Platz 6 Fußballbuch 2008
Literatur Fußballbuch

Titelkampf

Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft (2008)
Platz 6 Fußballbuch des Jahres 2008
© Martin Lengemann SV
Suhrkamp
8,90 Euro

Rezension zu: Titelkampf

Stefan Erhardt

Ja, die gibt es: die Nationalmannschaft deutscher Schriftsteller. (Auch die der Schriftstellerinnen? – Ein anderes Thema.) Im Tor z.B.: Albert Ostermaier, Lyriker, Romancier, Theaterautor. Er hat eine hinreißende lyrische Hommage an Jorge Valdano beigesteuert, von Ball und Lauf und dem Geruch des frisch gemähten Grases.

Den alle kennen, die ihren Ball jemals über einen Rasen getrieben haben. Und es sind diese kleinen Erinnerungen, überhaupt die kleinen Momente des Fußballs, die den schönen Reiz, den angenehmen Kitzel der Texte ausmachen: die Große Fußballgeschichte, widergespiegelt im Kleinen, Persönlichen.

Ob Thomas Klupp eine leidenschaftliche Hardcore-Trainergeschichte erzählt, Jan Brandt den Einbruch Schatzschneiders ins BRDigte Leben der BMX-Räder und Nachbarschafts-Grill-Orgien oder Ralf Bönt einen schaurig-tragischen Unfall mit dem Absacken eines Mannes ins Fußball-TV-couch-potato-Tum verknüpft – Hoffnungen, Träume, Ideale und Idole, Wünsche, Wahrheiten und die Wirklichkeit, die alles davon zunichte macht: Im „Titelkampf“ sind diese Themen des Lebens zu einem starken Erzählteam versammelt.

Hans Meyer übrigens hat diese schreibende Nationalelf trainiert. Seine witzigen und klugen Beobachtungen stehen auch in diesem Buch, neben einer bewundernswert klaren Betrachtung über Cannavaro von Simon Roloff, die einiges über den heutigen Fußball generell zu sagen vermag.

Umrahmt werden die Texte von den ebenso markanten wie unnachahmlichen Rammer- & Brecher-Sonetten des unvergleichlichen Ror Wolf. Valdano selbst hat einen witzig-melancholischen Text für diese Sammlung beigesteuert: sein Zwei-Null für Argentinien gegen Deutschland, das ihm wie erträumt erschien, überlagert im Spiel noch von seiner undankbaren Mission, mit Hans-Peter Briegel die Linie rauf- und runterzuhetzen. Erst später, zwei Jahre nach seinem TraumTor, eignet er sich sein Tor an – dank eines Spiel-Reportagemitschnitts seines Bruders. Und wie druckvoll Valdano Spiel und Wort zu verbinden vermag, beweist auch das Ende seiner Geschichte: als er versteht, "wie sehr für Menschen meiner Generation der Fußball durch das Wort lebt." Eine Botschaft an die ikonographierte Gesellschaft.

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