Platz 9 Fußballbuch 2011
Literatur Fußballbuch

Schland

Wie der Fußball Deutschland neu erfunden hat (2010)
Platz 9 Fußballbuch des Jahres 2011
© Bild: ©Walter Kuberka, 2011
Piper
9,95 Euro

Rezension zu: Schland

Bernd Gäbler

Eigentlich war der Turnierverlauf zäh, aber er barg doch Sensationen: Die mächtigen Teutonen entpuppten sich beim multikulturellen Rudelgucken als liebenswerte Gastgeber und aus maschinengleichen Rumpelfüßlern wurden offensive und leichtfüßige Kombinationsfußballer.

Das begann 2006. Fast noch erstaunlicher ist: Der ebenso freundliche wie selbstreferentielle Party-otismus und sogar die neu erworbene Spielkultur auf dem Platz waren keine Eintagsfliegen. Beide sind von erfreulicher Dauer und Substanz. Der Fußball hat Deutschland neu erfunden, übertreibt unser Autor halb-ernst in der Unterzeile und die Deutschen selbst staunen darüber am stärksten, dass sie sich als fröhliche Gemeinschaft erleben und feiern können. Symbol für das Neue ist nicht nur die allenthalben über Autospiegel gezogene wie in Mädchengesichter gemalte schwarz-rot-goldene Trikolore, sondern besonders die dadaistische Selbstbezeichnung des früher unschlagbaren Vaterlandes als „Schland“. 

Die Fußballweltmeisterschaft 2010, mit deren Bilanz unser „Fußballbuch des Jahres“ eröffnet, war da mindestens die verjüngte und vergnügliche Fortsetzung von 2006. Für den erfahrenen Fußball-Kultur-Akademiker ist das alles natürlich keine brennende Neuigkeit, aber es ist ein Lesevergnügen, wie Dirk Schümer vom „Spaßfaktor Fußball“ erzählt. Mit der Sprache jongliert er so beiläufig und selbstverständlich wie Özil Pässe aus dem Fußgelenk schlägt. Natürlich weiß er um vielfältige Beziehungen des Fußballs zur Gesellschaft, aber  allzu geradlinige soziologische Übertreibungen, die von der völligen Entsprechung von Politik und Fußball handeln, wischt er ebenso souverän beiseite wie Jogi Löw Anwürfe gegen Poldi oder Miroslav Klose. Simple Doppelpässe mag der Autor nicht, erst recht keine stereotypen Standards. 

Zum plötzlich hingebungsvoll blödelnden Deutschland gehört die Krake Paul ebenso wie das „Maskottchen Merkel“. Letzteres durfte sogar in die Umkleidekabine, während der zunächst verletzte und später ausgemusterte „Capitano“, ein Alphatier alter Schule, Michael Ballack, schon beim Besuch im Mannschaftsquartier erfahren konnte, wie überflüssig er geworden war. Plötzlich unternahm sogar das jüngste, im alternden Staat soeben frisch gewählte Staats-Oberhaupt, „dessen Radius noch zu Turnierbeginn nicht weit über den VFL Osnabrück hinausgereicht hatte“ (S. 40), seine erste Auslandsreise zum  „deutschen Migrantenball“ (S.45) an Afrikas Südspitze. Ihm bescheinigt Schümer „ein Feuerwerk an staatlicher Ranschmeißerei“. (S.41) Der kundige Autor benutzt Schlagwörter wie „multikulturell“ natürlich nicht ohne geschichtliche Ausflüge zu Ernst Willmowski, dem einzigen Spieler, der an Länderspielen für und gegen Deutschland teilnahm, oder zu den Boateng-Halbbrüdern.

Die historische Entstehung des „Calcio“ im Florenz der Renaissance ist ihm ebenso geläufig wie die ausführliche Würdigung der aktuellen spanischen Tiki-Taka-Taktik, von der er den schnellen Überrumpelungs-Fußball der Schweinsteiger-Özil-Müller-Gang absetzt. Zu lesen ist auch ein geschmeidiges Dribbling quer durch die deutsche Fußball-Nationalgeschichte, ebenso eine organisations-soziologische Erwägung zum gewichtigen DFB. Aber zusammengehalten wird das filigrane Spiel mit Wörtern, Metaphern und Gedanken stets von der Frage: „Wo genau ist der Kausalnexus zwischen Team und Land?“ (S. 67) Frisch, geschmeidig, überraschend, uneitel, locker – die Nationalmannschaft spielte in Südafrika so, wie sich die Deutschen ihr Land wünschen: endlich einmal nicht kriegerisch, nicht kämpferisch, nicht großsprecherisch, sondern bunt, mit Humor und eingebauter Bremse. (S.89; S. 124) Eigentlich, sagt Schümer, sei nichts geschehen in diesem „Sommer der neuen Leichtigkeit“, der ein südafrikanischer Winter war. Aber eins bleibt: „Ein 8:1 gegen England und Argentinien kann uns jetzt keiner mehr nehmen.“ (S.123)

In diesem handlichen Büchlein hat die durch den Fußball induzierte Selbsterfahrung des komischen Landes, das sich neuerdings, wenn es in Hochstimmung gerät, manchmal „Schland“ nennt, eine schöne Aufarbeitung und Entsprechung gefunden.

 

 

zurück

Das könnte Sie auch interessieren