Platz 3 Fußballbuch 2011
Literatur Fußballbuch

Robert Enke

Ein allzu kurzes Leben (2010)
Platz 3 Fußballbuch des Jahres 2011
© Bild: ©Gunnar Knechtel
Piper
19,95 Euro

Rezension zu: Robert Enke

Ludger Schulze

Hätte es den Fußballbuch-Preis der Akademie damals schon gegeben, dann hätte Ronald Reng ihn im Jahr 2002 zweifellos gewonnen. Sein Roman „Der Traumhüter“ schildert anekdotenreich und federleicht die Geschichte eines knapp überdurchschnittlich begabten Torwarts, den ein tolldreistes Schicksal in die erste englische Liga verschlägt, wo er tatsächlich das Spiel seines Lebens spielt und zum Helden einer ganzen Stadt wird. Es ist die Erfüllung eines Kindheitstraums, den jeder träumt, der einmal gegen den Ball getreten hat. Ein Märchen, das zufällig wahr wurde. Man hat dieses Buch in eine Reihe mit den ganz großen Sportromanen angelsächsischer Herkunft gestellt und mit „Fever Pitch“ von Nick Hornsby verglichen. Völlig zu Recht.

Acht Jahre später hat der Sportjournalist und Schriftsteller Ronald Reng ein weiteres Buch über einen Torhüter verfasst, ein Buch über seinen Freund Robert Enke, der sich, wie jedermann weiß, am 10. November 2009 vor einen Zug geworfen hat. Es ist die Geschichte eines Albtraums, der in der Katastrophe mündete. Unterschiedlicher können Bücher nicht sein, aber auch hier beweist Reng seine Meisterschaft.

Im Grunde findet der Leser unter den Deckeln von „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ zwei Bücher. Das eine ist die beeindruckende Sportler-Biographie eines weit überdurchschnittlich begabten Schlussmannes, dessen  Weg vom Sportgymnasium in Jena bis ins Tor der deutschen Nationalmannschaft. Reng beschreibt Enkes Bundesliga-Premiere bei Borussia Mönchengladbach, das geliehene Glück in den drei Jahren bei Benfica Lissabon, das sportliche und emotionale  Desaster beim FC Barcelona unter dem totalitären Tulpen-General van Gaal, das schreckliche, nach nur einem Spiel beendete Missverständnis bei Fenerbahce in Istanbul, den Ausweg in die zweite spanische Liga nach Teneriffa und schließlich die Rückkehr in die Bundesliga zu Hannover 96. Vermutlich sind dies die Geschichten gewesen, die Robert Enke im Sinn hatte, als er seinem Freund Reng vorschlug, gemeinsam ein Buch zu schreiben.

Viel mehr als eine Biographie aber ist dieses Buch das detaillierte Protokoll einer Depressions-Erkrankung mit tödlichem Verlauf geworden, basierend auf den Tagebuch-Eintragungen Enkes, welche dieser „meinen Depri-Ordner“ nannte. Höchst einfühlsam begibt sich Reng auf eine beklemmende Reise zum Mittelpunkt einer verzweifelten Seele, von anfänglichen Haarrissen in Enkes Psyche über tiefe Brüche bis zum Ende am Bahnübergang von Eilvese. Er erzählt in angemessener Sprache und mit der gebotenen Zurückhaltung von der großen, aber letztlich vergeblichen Liebe seiner Frau Teresa, von einigen Freundschaften wie beispielsweise von der mit dem Konkurrenten Rene Adler und von der beißenden Kälte des Fußballbetriebs.

Robert Enke war ein Mann, der äußerlich bewundernswert ausgeglichen wirkte, den innerlich aber Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifel, Schuldgefühle und nackte Angst quälten. Und Ronald Reng hat darüber ein unendlich trauriges, großartiges Buch geschrieben.

 

 

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