Platz 5 Fußballbuch 2006
Literatur Fußballbuch

Poetik des Fußballs

(2006)
Platz 5 Fußballbuch des Jahres 2006
Campus Verlag
14,00 Euro

Rezension zu: Poetik des Fußballs

Matthias Lieske

Fußball ist ein ungeheuer einfaches Spiel. Der Zweijährige, der gerade Laufen gelernt hat, beherrscht bereits alle Grundlagen: Rennen, stoppen, passen, schießen. Wenn er zwanzig Jahre später Fußballprofi wird, hat er all das lediglich ein bisschen verfeinert. Fußball ist ungeheuer leicht zu verstehen. Wie die WM gezeigt hast, kann man sogar jeden x-beliebigen Politiker respektive jede beliebige Politikerin auf eine Tribüne setzen, und nach wenigen Minuten weiß er/sie in etwa, was läuft. Fußball ist ungeheuer demokratisch. Diskussionen über Fußball in Akademikerkreisen unterscheiden sich keinen Deut von jenen in Hafenkneipen, weder vom Vokabular noch vom geistigen Niveau her. Fußball ist schrecklich simpel. Das macht ihn so ungeheuer kompliziert.

Darum braucht man Bücher wie jenes des Philosophen und Sportsoziologen Gunter Gebauer, der den einfachen oder auch nur einfach scheinenden Variablen des Fußballs auf den Grund geht und sie bis in die letzten Verästelungen erklärt. Es ist eine gern gebrauchte Binsenweisheit, dass sich im Fußball die ganze Welt spiegelt, denn in gewisser Weise trifft sie auch auf Mensch-ärgere-dich-nicht zu. Gebauer widmet sich jenen Aspekten des Fußballs, die besonders sind. Etliche rühren von seiner im vergangenen Jahrhundert ins Gigantische gewachsenen Popularität her und der damit einhergehenden Kommerzialisierung und Trivialisierung, sowie seinem Legenden- und Anekdotenpotenzial, dem allenfalls der Sagenschatz des amerikanischen Baseball vergleichbar ist. Dabei bedingen sich die Gründe für die Beliebtheit des Fußballs und die Folgen dieser Beliebtheit gegenseitig in einem dialektischen Wechselspiel. Basis ist jedoch die Natur des Menschen, seine soziale Entwicklung und Interaktion, nicht zuletzt aber auch die Natur des Balles, der selten so fliegt, wie es die aktiv und passiv Beteiligten am Spiel gern hätten.

Gunter Gebauer analysiert anschaulich, unterhaltsam, gründlich und präzise die vielfältigen Facetten des Fußballs und seiner Rezeption. Im Fußball, schreibt der Autor in seinem Vorwort, „findet man etwas, das der Welt verloren gegangen ist – eine Herrschaft, die sich nicht nur auf Macht, sondern auch auf Ästhetik gründet“. Es ist ein großes Verdienst des Buches, vor allem dieser Ästhetik und Poetik gebührenden Raum zu geben.

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