Platz 9 Fußballbuch 2014
Literatur

Piagnolia

Roman (2014)
Platz 9 Fußballbuch des Jahres 2014

Die Rezension zur Nominierung

Matthias Lieske

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1934 ist unbestritten die korrupteste der Geschichte gewesen. Für Italiens Faschisten mit Benito Mussolini an der Spitze war der Gewinn des Titels Pflicht, und sie fanden viele Helfershelfer. Schon in der Qualifikation passierten allerlei Merkwürdigkeiten, die seltsamerweise sämtlich Italien nützten, es wurde klaglos akzeptiert, dass die Italiener Argentinien die besten Spieler abwarben und sie einfach einbürgerten, weshalb das südamerikanische Land, Finalist von 1930, dem Turnier beleidigt fernblieb. Auch der amtierende Weltmeister Uruguay hatte irgendwie keine Lust, nach Europa zu kommen. Im Turnier selbst waren die Schiedsrichter durchweg rigoros auf Seiten des Gastgebers, ansonsten wäre das Team bereits im Viertelfinale gegen Spanien ausgeschieden. Den Österreichern kickte der Schiedsrichter im Halbfinale Höchstselbst die Bälle weg, und der schwedische Finalreferee war zuvor zur Audienz bei Mussolini gewesen.

Reichlich Stoff für einen Kriminalroman, und den hat Matthias von Arnim nun geschrieben. Im Mittelpunkt steht das kleine Dorf Piagnolia in der Nähe von Florenz, das unversehens ins Zentrum der großen Ereignisse gerät, die sich um die Fußball-Weltmeisterschaft ranken. Bewohnt ist Piagnolia von lauter liebenswerten Gestalten, die von den Faschisten nichts wissen und am liebsten ihre Ruhe haben wollen. Es gibt den aufrichtigen Dorfpfarrer, den geschäftstüchtigen Bartreiber, den hoffnungslos unglückseligen Bauern Filotti, der am Ende doch noch seine Bestimmung findet, die wackere Dorfschöne, dazu einen in krumme Geschäfte geratenen ehemaligen Dorfbewohner, einen reumütigen Schergen des Armee-Obersten, der die Fäden für Mussolini zieht, und einen amerikanischen Sportjournalisten, der praktischerweise über gute Kontakte zur New Yorker Mafia verfügt.

Es geht um Korruption, Doping, Wettbetrug, Mauschelei und nicht zuletzt Mord, ein Doppelgänger wird als Schiedsrichter eingeschleust, mit zunehmender Dauer des Turniers beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen und kulminieren, wie sich das gehört, am Finaltag, der natürlich, das ist historisch belegt, mit dem 2:1-Sieg Italiens nach Verlängerung gegen die Tschechoslowakei endet. Dies alles ist überaus vergnüglich zu lesen, und es stellt eine neue Art der Fußballgeschichtsschreibung dar. Es muss nicht so gewesen sein, wie es hier erzählt wird, aber es könnte, zumindest das Meiste. Und ob der Schiedsrichter des Finales, Ivan Henning Hjalmar Eklind, nun er selbst gewesen ist oder nicht, lässt sich heute kaum klären. Gepfiffen hat er auf jeden Fall wie ein Doppelgänger.

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