Nie mehr Fußball!

Vorfälle von 2014 bis 2017 (2016/2017)
Verlagsinfo
16,90 Euro
978-3946938378

Nie mehr das F-Wort

Stefan Erhardt
Jürgen Roths zornige Schlussabrechnung mit dem Fußballgeschäft

Nun ist es soweit: Nie mehr Fußball! Jürgen Roth hat nach zuletzt „Nur noch Fußball!“ ein dickes Ausrufezeichen, ein Schlusszeichen gesetzt und dem hypertrophierten Profitfußball und allen daran saugenden Parasiten das Todesurteil eröffnet. Mit ungebremstem Furor zerlegt er in seinem neuesten Buch, eine Sammlung von Kolumnen und Kurzessays der letzten vier Jahre, den Fußballbetrieb, die globale Fußballindustrie und alle daran Teilhabenden. Es ist das Ergebnis einer Obduktion einer im Kern dahinwesenden Leiche, gespeist von – wie Roth selbst vorausschickt – einer „zeitweilig hartnäckigen Observation der medialen Präsentation und Verwertung des Fußballs“.

Nicht um die Kritik an sprachlichen Fehlern oder Entgleisungen, mittlerweile selbst zum Bestandteil der Fußball-Unterhaltungsindustrie geworden, ist es ihm zu tun; ihm geht es darum, die „läppische, hohnsprechende und obszöne Verlotterung des komplizenhaften Großgewerbes Fußball/Medien zu dokumentieren, vorzuführen […]“, zu desavouieren, und dies mit der ihm eigenen Methode, mit dem „wichtigsten Werkzeug der Sprachkritik“, dem Zitat.

Es ist eine „Chronik des kommunikativen Irrsinns“, die, so Roth, sich seit Jahren praktisch von alleine fortschreibe. Dies betrifft die sich hinter den Flatscreens aufblasende „Expertokratie“, egal auf welchen Kanälen sie schwimmt, mit nur wenigen Ausnahmen wie Mehmet Scholl, über dessen praktizierte und kultivierte „Tugenden der Aufrichtigkeit, Höflichkeit, Dezenz“ Roth zu Recht nichts kommen lässt; das betrifft die Männer und Frauen an den Mikrofonen, die heute komplett dem seichten Event-Ton verfallen sind, ganz im Gegensatz zu früheren sprachlichen Könnern wie Kurt Brumme: „Heute sind Fußballreporter zuallermeist lärmende Lustknaben in der Räuberhöhle der Rechtehändler und Geldscheffler, eindimensional-stolzdreiste und vom verinnerlichten entfesselten Marktgeschehen restlos demolierte, schreiende Schwachmaten.“

„Sie haben nichts zu sagen, das jedoch reichlich.“ stellt Roth vernichtend-valentinesk fest, egal, wie sie heißen und welchen Sender sie vertreten. Auf eine sprachliche Besserung zu hoffen, dürfte so auch vergebens sein – zu Zeiten, da der durchschnittliche Fernsehzuschauer nur noch bedingt überhaupt schaut, sondern nebenher E-Mails checkt, auf WhatsApp chattet und dies oder jenes online bestellt.

Dass der Wahnsinn, der Un-Sinn des Medienfußballs Methode hat, wird Roth nicht müde herauszustellen und zu belegen. Das System Fußball läuft wie geschmiert, und zwischen Großsponsoren,  Finanzjongleuren, Investoren und dem „Viehmarkt der Spielervermittler“ tummelt sich frohgemut und scheinbar von alledem unangefochten der Fan. Scheinbar – oder anscheinend? Jürgen Roth dürfte Letzteres behaupten, wo er doch glasklar konstatiert: „[…] der Medienfußball ist als Ausdruck niederster Gesinnung und eines durchdrehenden Konformismus, als Feier der eigenen Beschränktheit, als dröhnende Zustimmung zur demütigend dummen Gegenwart, als blindwütige Affirmation des ganzen Mistsystems durch so korruptes wie überflüssiges Geblähe – schlicht die ideale, allerorten erfolgreich promotete Form der Wirklichkeitsverleugnung.“

Waren die Stadien vor der absoluten Profitmaximierungsphase des Fußballs noch Orte, aus denen mit ihrem „spröden (Beton-)Charme großer, lichter sozialdemokratischer Wurstkessel und Palaverstätten“ zuweilen Horte der Begeisterung (in der transitiven Bedeutung des Wortes) wurden, protzen nunmehr Jahrmärkte der Eitelkeiten und der Unterhaltung: „Heute sind das faschistoide, prahlsüchtig und rücksichtslos in die Gegend geklotzte Eventbunker mit streng abgegrenzten Konferenzräumen (VIP-Lounges) für die herrschenden Parvenüs, Aasgeier und Arschgeigen, und das begeistert konformierende, geschlechtlich und vom Alter her so herrlich gemischte Spießerkonsumentenpublikum läßt sich Getränkezahlkarten, Alkoholverbote und Permanent-PR-Lärmterror ohne das leiseste Murren gefallen.“

Jenes Publikum ist nach wie vor eine der tragenden Säulen des Profitfußballs. Angesichts von militärisch geplanten Massenschlägereien, bisweilen zügellos auftretendem Lynchmob oder offenen Morddrohungen gegen Vereinsfunktionäre und Spieler fällt Roth jedoch ein vernichtendes Urteil: „Fans, früher oft etwas kauzige, bisweilen auch raufende, aber geerdete und noch zur Selbstbesinnung fähige Leidensgenossen, sind heute – mit Abweichungen – autoritäts-, auf Führung und ihre Führer fixierte Vollidioten, Wahnsinnige, potentielle Totschläger.“

Dabei lebt der Fußball eigentlich vom Spiel und seinen Zusehern; er lebt von der – trotz aller unternehmerischen Berechnung und medialen Inszenierung – Unvorhersehbarkeit des Spiels wie auch davon, dass und wie das Geschehen auf dem Platz kommentiert wird. Diese Funktion – die eines dritten Ortes des Gemeinsamen Sprechens und Sich-Einander-Versicherns, wenn nicht gar Sich-Vertrauens – kann heute nur noch bedingt sich Bahn brechen; zu stark ist die sprachliche Dominanz der Medien, und leider, wie Roth belegt, ist es eine grausame. Denn der Eventfußball „verlangt nach einer stramm rituellen Inszenierung, in der die meisten Bilder- und Sprachcodes festgelegt sind und in der es nahezu ununterbrochen entweder um euphorische Statements oder um Krisen- und Katastrophendiskurse geht, in denen weltbewegende Konflikte bekakelt werden.“ Und fürwahr – wer hätte nicht ab und an den Kopf geschüttelt, wenn nach drei, vier Radiomeldungen über politisch einschneidende Ereignisse quasi im selben Rang die neueste Spekulation reportiert wird, wer der neue Trainer von Borussia Dortmund werden könnte!

Dass hier etwas fundamental missverstanden wurde seitens der ‚Berichterstatter‘, dass ein Fußballspiel keine wie auch immer geartete Schaufensterei braucht, fasst Roth in einem ebenso trefflich zugespitzten wie schlicht fußballspielschönen Satz zusammen: „Doch ein Fußballspiel ist kein »Storymaterial«, sondern es ist selbst die Geschichte, es schreibt und erzählt sich selbst.“ Wie wahr, wie wahr.

Auch die Profispieler haben sich dem Diktat der Inszenierung, des Geschäfts längst unterworfen – nicht nur sichtlich, sondern hörbar. „Bei Spielern erkennbar war mal so etwas wie Eigensinn, ein persönliches Profil, eine individuelle Ausdrucksphysiognomie.“ konstatiert Roth. „Heute reden sie alle das gleiche bewerbungsseminaristische Verdeppungsdeutsch daher, sie sehen alle gleich aus (Tattoos und Gockelfrisuren sind musts), und sie spielen alle den gleichen obrigkeitshörigen Stiefel herunter – in Erziehungslagern zusammengestutzte und -gestückelte Hochleistungsfanatiker mit der Anmutung von Muttersöhnchencyborgs auf Systemfußballspeed.“ Wem dies zu überzogen formuliert vorkommt, möge die Proben aufs Exempel machen und sich die nächstbesten Interviewantworten und Erklärungen vor und nach Spielen genau anhören.

Beträfen diese Erscheinungen nur den Fußballsport an und für sich, könnte man die Schultern zucken und diese Sachen auf sich beruhen lassen. Aber nun hat sich das Fußballgeschäft (man könnte bemüßigt sein, fortan auch grammatikalisch zu trennen zwischen „Der Fußball“, das Spiel an sich meinend, und „Das Fußball“, das Geschäft, die Industrie, die Medien etc. umfassend) an die Spitze des Sports und unser aller Gesellschaft gesetzt, um unser Leben wie schon im Beruf unter die Fuchtel von permanentem Wettbewerb, nie in Frage gestellter Optimierung und Fanatismus (im weitesten Sinne) zu stellen. Jürgen Roth verweist hier (wie schon in früheren Abhandlungen) explizit auf Adorno, der schon früh diese Entwicklung der Massenkultur voraussah, die, indem sie „das ganze Leben als ein System offener oder verdeckter sportlicher Wettkämpfe abbildet“, den Sport „inthronisiert […] als Leben selber«. Mit der von Roth lapidar, aber wuchtig zitierten Konsequenz: „Anstelle der Autorität der Bibel tritt die des Sportplatzes.“

Und so weiter. Ja, bitte, so weiter – noch Vieles wäre aus „Nie wieder Fußball!“ zu zitieren, zu besprechen; zu vielfältig das, was der Autor unters Seziermesser legt. Roths einsame Spitze, sprich Klasse, besteht darin, mit der Methode des Aufs-Maul-Schauens das Spektrum der Aussagen in ihren tatsächlichen Schwarz-Weiß-Tönungen zu kompilieren und zu kommentieren, so zu entlarven, dass der Aberwitz in toto erfassbar, erfahrbar und leidvoll (für die, welche der Sprache noch mächtig) nachvollziehbar wird. Seine harsche, aber immer ins Schwarze, ins Wunde treffende Kritik zielt auf den ganzen Fisch, nicht nur den stinkenden Kopf. Die logische Schlussfolgerung kann so nur sein: „Der Fußball muß weg. Es muß mit ihm ein Ende haben.“

Jürgen Roths Buch gehört gelesen, von vorne bis hinten, in einem Sitz (das geht wie von selbst, entwickelt Roths Diktion doch einen ganz eigenen Sog, dem man sich, sobald darauf eingelassen, nur schwer entziehen kann); und es gehört wieder und wieder gelesen. Auf dass der Verblendung ein Ende sei. Auch wenn dies generell ein frommer Wunsch an die Welt ist.

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