Platz 1 Fußballbuch 2016
Literatur Fußballbuch

Mroskos Talente

Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts (2015)
Platz 1 Fußballbuch des Jahres 2016
© Bild: ©Gunnar Knechtel
Piper Verlag
Verlagsinfo
20,00 Euro
978-3-492-05593-2

Rezension: Mroskos Talente - Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts

Ludger Schulze

Ich könnte ein Buch schreiben, sagt irgendwann mal jeder, der im Fußball-Business sein Geld verdient. Tut nur keiner, weil er, wenn er auch nur annähernd die Wahrheit zu Papier brächte, sich umgehend einen anderen Job suchen könnte – die unausgesprochene Schweigepflicht. Lars Mrosko aber hat`s gemacht, oder vielmehr der erstaunliche Ronald Reng, der die Geschichte dieses vom Fußball besessenen Kindskopfes aufgeschrieben hat. Reng ist bekanntlich Sportjournalist und jener verdienstvolle Mann, der das in angelsächsischen Ländern selbstverständlich anerkannte und extrem beliebte Genre des Sportromans hierzulande reanimiert hat. Oder besser: erst zum Leben erweckt hat, denn auf diesem Gebiet herrschte im deutschsprachigen Raum Ebbe, wenn man von  Samy Drechsels Elf Freunden aus dem Jahr 1955 absieht. Der vielfach preisgekrönte Reng hat seit Anfang des Jahrtausends fast so viele Bestseller verfasst, wie der FC Bayern Meisterschaften gesammelt: Der Traumhüter; Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben; Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga. Das nur am Rande.

 Zurück zu Lars Mrosko. Mrosko kommt aus einer Problemfamilie aus dem Berliner Problemviertel Neukölln. Der Vater ist zu gutmütig, die Mutter verbreitet eine Atmosphäre aus Angst und Schuldgefühlen, beide meinen es eigentlich gut, aber Geld ist immer knapp. Lars ist, obwohl sehr schnell im Kopf, ein lausiger Schüler, er geht mit der Mittleren Reife ab und wird zum U-Bahn-Sprayer und schließlich zum Kleinkriminellen: Einbruch in einen Baumarkt, Diebstahl und Hehlerei von Spirituosen, die er mit Kumpels aus dem Supermarkt klaut. Seine Rettung ist der Fußball.  Und gleichzeitig sein Fluch, denn mit dem kaputt getretenen Sprunggelenk geht auch der Traum von einer Profikarriere zu Bruch.

Was bleibt, ist seine Begeisterung für den einen genialen Pass, die Leidenschaft für ein kunstfertiges Dribbling – und sein untrügliches Auge für Talente und das, was aus ihnen einmal werden kann. Der Jugend-Abteilungsleiter von Tennis Borussia fragt ihn, den Jugend-Hilfstrainer, ob er nicht Nachwuchs-Scout bei dem damaligen Zweitligisten werden wolle, der Mann heißt Mirko Slomka. Es waren die Jahre des Umbruchs im deutschen Fußballs, nachdem die Nationalmannschaft sich bei der EM 2000 bis auf die Knochen blamiert und der DFB aus Sorge, international den Zug zu verpassen, den Vereinen ein völlig neues Nachwuchskonzept samt Talentsichtungsprogramm verordnet hatte. Mrosko fragt: „Was ist denn das: Scout?“ Aber er nimmt, was soll er sonst tun, das Angebot an.

Mrosko arbeitet später für einige Bundesliga-Klubs, sogar für den FC Bayern. Er erledigt seine Arbeit mit buchstäblich rasendem Eifer, er besucht oft mehr als 20 Spiele in der Woche, reißt Tausende von Kilometern im Auto ab, brettert von Kaiserslautern nach Nantes, von Teplice nach Coimbra, Enschede, Izmir, Ballymena, Bad Blankenburg. Für den Rücken nimmt er Ibuprofen, gegen die Müdigkeit Koffeintabletten. Privatleben? So gut wie keines. Mrosko versteht seinen Job, er bekommt Anerkennung, am meisten vom Leuteschinder Felix Magath, der ein Faible für Mroskos unverblümt-ehrliche Art und die Berliner Schnauze des Scouts hat. Weil dieser in der tschechischen Provinz einen schlaksigen Torjäger aus Bosnien namens Edin Dzeko entdeckt, der Magaths VfL Wolfsburg zur Meisterschaft schießt, macht er einen Karrieresprung zum Chef-Scout .

Aber Lars Mrosko kennt nur einen Weg, seinen Weg. Er ist Gerechtigkeitsfanatiker, glaubt an Ehrlichkeit, Freundschaft und das Gute im Menschen. Doch das sind Werte, die im betonharten Business nichts verloren haben. Dort herrschen Intrige, Mauscheleien, Unfairness, Großmannssucht, Angeberei, Oberflächlichkeit, Zufall und gnadenloser Konkurrenzkampf. Als er sich ungerecht behandelt fühlt, lieferte er sich mit dem neuen Wolfsburger Sportdirektor, dem autokratischen Dieter Hoeneß, Stirn an Stirn ein Brüll-Duell. Danach ist er ein Held in der Branche, aber seinen Job los. Weil er die Schnauze voll hat von all den Frustrationen und Zurückweisungen, die ein kleines Licht erdulden muss, springt Mrosko ins Haifischbecken der Spielerberater, verdient dort aber kaum Geld, abgesehen von den 2000 Euro, die er von einem der erfolgreicheren Kollegen dafür bekommt, dass er ihm die Telefonnummer von Didier Drogba besorgt. „Enttäuscht vom Profifußball“, wie er in einer SMS an 300 Leute schreibt, von der Profitgier und dem Egoismus, verabschiedet er sich schließlich ganz aus dem Geschäft: „Das ist nicht mehr meine Welt.“

„Mroskos Talente“ bietet einen einzigartigen Blick in den, wie das immer so schön heißt, Maschinenraum des Fußballs, in eine Welt, die wenigen zu viel und vielen zu wenig bietet. Eine Handvoll stinkreicher Absahner gegen ein Heer von armen Würstchen, die von der Hand in den Mund leben. Das Geschehen spielt in jenem Zeitraum, in dem sich der Fußball zu einem Milliarden-Entertainment eines zügellosen, neoliberalen Globalisierungsmarkts entwickelt. Für einen Romantiker wie Lars Mrosko ist da kein Platz. Diesen seinen Protagonisten beschreibt Reng mit beinahe zärtlicher Nachsicht und in einer klaren, oft lakonischen Sprache mit einem sicheren Gespür für Timing. Diese berstend vitale Mischung aus Schelmenroman, Entwicklungsgeschichte und klassischer journalistischer Fleißarbeit kann ohne weiteres als Roman des Jahres durchgehen. Eigentlich hat das Buch nur einen Fehler: dass es nach 416 Seiten schon aus ist.

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