Literatur Fußballbuch

Mein Leben als Hope Solo

(2013)
Edel Germany
17,95 Euro

Rezension: Mein Leben als Hope Solo

Matthias Lieske

In Richland im Staate Washington steht die Fabrik, in der das Plutonium für die Hiroshima-Bomben produziert wurde. Und in Richland ist man stolz darauf. Die Sportteams der örtlichen High School nennen sich die Richland High Bombers, einer ihrer Fangesänge ist „Nuke 'em, nuke 'em, nuke 'em till they glow", ihr Logo ein Atompilz. „Mit politisch korrekt haben wir es nicht so in Richland", spottet Hope Solo über ihre Heimatstadt. Die Torhüterin des Fußballnationalteams der USA hat auf besagter High School Fußball und Basketball gespielt und dann zugesehen, dass sie schnell aus Richland wegkam. Eigentlich wollte sie weit weg, aber dann landete sie doch nur an der University of Washington in Seattle. Dort wurde sie zur besten Keeperin des Landes und schließlich zur besten der Welt. Aber es war kein einfacher Weg, wie sie in ihrer Autobiografie „Mein Leben als Hope Solo" beschreibt.   

Ein bisschen Richland hat sich die 31-Jährige bewahrt. Sie ist bekannt dafür, dass sie sagt, was sie denkt, auch wenn es politisch nicht korrekt ist. Das hat ihr manchen Ärger eingebracht. Den größten 2007 bei der WM in China, als der überforderte und inkompetente Coach Greg Ryan seine Stammtorhüterin im Halbfinale gegen Brasilien plötzlich „aus einem Bauchgefühl heraus" durch die Veteranin Briana Scurry ersetzte, die im Olympiafinale 2004 ebenfalls gegen Brasilien den Sieg gerettet hatte. Diesmal verloren die USA 0:4, Scurry spielte schlecht, und Solo sagte anschließend den Medien, sie hätte die Bälle gehalten, es sei nicht mehr 2004, man müsse in der Gegenwart leben. Ein Sakrileg, zumindest für Ryan und die alte Garde im Team um Kristine Lilly, die dafür sorgten, dass Hope Solo nach einem teaminternen Tribunal in geradezu grotesker Weise ausgegrenzt wurde. Sie musste allein essen, andere Flüge nehmen und wenn sie einen Fahrstuhl betrat, stiegen die Teamkolleginnen aus. Hope Solo beschreibt, wie sehr sie unter dem Bannstrahl und der Gefahr eines endgültigen Rauswurfs litt, aber dass sie ihre in der Tat nicht sehr kameradschaftliche Aussage bereut hätte, lässt sich an keiner Stelle erkennen.

Andere Spielerinnen wären nach dieser Erfahrung nie wieder zurückgekehrt, aber Hope Solo ist aus härterem Holz. Sie kam, als Pia Sundhage, Nachfolgerin des gefeuerten Ryan, sie rief, und wurde, mit dem Team versöhnt, 2008 und 2012 Olympiasiegerin. Bei der WM 2011 sorgte das US-Team zwar für landesweite Euphorie in der Heimat, verlor das Finale in Frankfurt aber gegen die Japanerinnen. Die seien nach Fukushima und dem Tsunami auf einer noch größeren Mission gewesen, erkennt Hope Solo neidlos an.

Den Grund für ihre Zähigkeit sieht sie in ihrer Kindheit, die schwieriger war als die der meisten Teamkolleginnen. Solo wuchs als Tochter eines unzuverlässigen und kleinkriminellen Vaters auf, der die Familie zwar früh verlassen musste, den sie aber dennoch vergötterte. Als Einzige hielt sie stets zu ihm, auch als er obdachlos wurde und schließlich sogar – zu Unrecht – unter Mordverdacht geriet, was auch daran lag, dass er seine Tochter ebenfalls vergötterte und sie nicht den Belastungen aussetzte, welche die anderen Familienmitglieder zu ertragen hatten. Sein Tod zwei Monate vor der WM 2007 war einer der Gründe für ihren Ausbruch in China, für ihren Vater hatte sie den Titel gewinnen wollen, bei jedem Spiel verstreute sie sogar ein bisschen seiner Asche im Tor. Wer in Richland aufgewachsen ist, schreckt auch vor bizarren Handlungen nicht zurück.

Abgesehen von den Kapiteln zum Tod des Vaters, hat die Co-Autorin Ann Killion, eine renommierte Sportjournalistin, Solos gelegentlichen Hang zum sentimentalen Pathos erfreulich gedämpft, und es ist ein aufschlussreiches Buch geworden über eine außergewöhnliche Karriere und ein US-Team, dessen Welt keineswegs so goldig war wie lange Zeit sein Ruf. Vor allem die WM-Heldinnen von 1999 um Mia Hamm, Brandi Chastain und Kristine Lilly werden es mit sehr geringem Vergnügen gelesen haben. Einen Fehler hat Hope Solo dann aber doch noch zugegeben: dass sie sich nach der WM 2011 überreden ließ, in der Fernsehshow ‚Dancing with the Stars‘ mitzuwirken.

 

 

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