Platz 9 Fußballbuch 2010
Literatur Fußballbuch

Mandela und Nelson

Das Länderspiel (2010)
Platz 9 Fußballbuch des Jahres 2010
Carlsen
9,90 Euro

Rezension zu: Mandela & Nelson

Stefan Erhardt

Witz und Lakonie – zwei ausgezeichnete Komponenten für ein Kinderbuch! Zu finden bei Hermann Schulz und seiner ebenso hin- wie mitreißenden Geschichte "Mandela & Nelson". Mit viel Selbstironie und unterschwelliger ironischer Distanz lässt Schulz den elfjährigen Nelson mit dem Brustton noch junger Überzeugung von den Mühen erzählen, die der plötzlich zum Mannschaftskapitän und Manager avancierte fußballverliebte Dorfjunge irgendwo an der Ostküste Afrikas auf sich nimmt, um ein Ereignis besonderer Güte so perfekt wie möglich vorzubereiten: ein Freundschaftsspiel gegen eine Jugendmannschaft aus dem für seine Ohren sehr seltsam klingenden Ort Ruhrgebiet.

Unterstützt wird er von seiner Zwillingsschwester Mandela – und nicht von ungefähr heißen die beiden so, hat doch ihr Vater ihren Geburtstag zum Anlass genommen, dem am gleichen Tag geborenen ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas zu huldigen, was der nicht auf den Mund gefallene Sohn nicht unbedingt gutheißt ob des ein oder anderen Spotts in der Schule, aber mit dem ihn auszeichnenden Gleichmut trägt: „Aber ich will mich nicht beklagen. Einer in unserer Klasse hieß doch tatsächlich Baden-Württemberg mit Vornamen, ein anderes Zwillingspaar George und Washington. Weil es ihren Eltern gerade so eingefallen war. Dann schon lieber Nelson und Mandela."

Trocken ist sein Humor, aber immer gepaart mit einer Leichtigkeit, in der – sprachlich – der Afrika-unkundige Leser die gewisse Leichtigkeit afrikanischer Lebensart überhaupt zu erkennen glaubt. In die sich auch etwas schrägere Figuren hervorragend einfügen wie der aus Deutschland stammende, seit Urzeiten aber schon in Bagamoyo, dem tansanischen Ort des Geschehens, lebende  Pater Jonathan Henschel – ein erklärter Anhänger von Hansa Rostock! –, oder der ehemalige Fußballprofi Hussein Sosovele mit Stationen bei Juventus Turin und den Grashoppers Zürich, der sich mehr für die Börsenkurse zu interessieren scheint, dann aber mit Verve das örtliche Team unterstützt, auch wenn er den drei Mädchen (Verteidigung) und zwei Handvoll Jungs anfangs nur wenig Hoffnung macht.

Die Begegnung mit den "Mehlsäcken" – man erhofft es sich zunächst anders – nimmt den erwartbaren Verlauf: die durchtrainierten Deutschen gehen mit drei Toren in Führung; allerdings ganz so gradlinig ist die Geschichte denn doch nicht. Das wird schon daran sichtbar, dass ein gewisser Otto die Kapitänsbinde der Ruhrauswahl trägt, und dessen Hautfarbe ist – nicht nur zur Verblüffung von Nelsons Team – schwarz. Es zeigt sich auch an dem dann doch noch dramatischen Spiel – mit einem unorthodoxen Siegtor und einer Schiedsrichterfehlentscheidung. Und einem Nelson, der am Ende nicht nur auf sein Team, sondern ausnahmsweise auch auf seine Schwester stolz sein kann.

 

Die Geschichte schreit danach, vorgelesen zu werden, Papa oder Mama können damit nur Sympathiepunkte einheimsen. Ein – wie ich nicht nur als Vater meine – wunderbares Kinderbuch, das viel Leben hat, viel Witz, viel Herz und viel Verstehen.. Kwa heri – auf ein Wiedersehen? Womöglich gibt es ja ein Rückspiel für Nelson. Dann vielleicht mitten in dem Ort Ruhrgebiet.

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