Platz 11 Fußballbuch 2011
Literatur Fußballbuch

Louis van Gaal

Biographie & Vision. Vorwort von Hoeneß, Uli und Nuñez, Josep L (2010)
Platz 11 Fußballbuch des Jahres 2011
VisieSport
49,95 Euro

Rezension zu: Louis van Gaal

Hans Böller

Er kam fast überfallartig über die Bundesliga und ist längst wieder weg – jedenfalls scheint es so, denn auch ein Verschwinden erreicht außergewöhnliche Dimensionen bei einem Menschen wie ihm. Was von Louis van Gaal eines Tages bleiben wird, müssen womöglich spätere Generationen beurteilen. Ein schweres Werk hat er aber hinterlassen, groß und gewichtig. Es heißt Biographie und Vision und hat folgerichtig zwei Bände, mit weniger kommt van Gaal in jener Hinsicht wie in dieser nicht aus. Glücklicherweise nicht – denn das Werk hat auch im übertragenen Sinne Gewicht.

Der Wunsch, diesen Fußballlehrer, Poltergeist, Melanchoniker, Spielerfreund, Menschenschinder, Lebemann und Freigeist zu verstehen, wird vermutlich den wenigsten je umfassend erfüllt werden, ein bisschen näher dahin bringt einen die Lektüre denn aber doch. Man wird Louis van Gaal danach hassen, so denn man ihn zuvor schon gehasst hat, oder lieben, ist man damit die langen Lesestunden angegangen. Zwiespältig bleibt er als Figur – konservativ in großen Teilen der Biographie, radikal fortschrittsgläubig in seiner Spieltheorie, die van Gaal anschaulich erklärt (ohne natürlich erklären zu können, warum es beim FC Bayern auf einmal nicht mehr recht funktionieren wollte – erstens konnte er es, umjubelt und geliebt, zur Drucklegung nicht ahnen, zweitens dringt selbst der größte niederländische Meister nicht in die letzten Mysterien dieses Spiels vor).

Totaler Fußball, Rinus Michels, das Prinzip des Ballbesitzes: Wer van Gaals gegenüber Journalisten oft mit Schroffheit vertretene Maximen verstehen will, hat dafür einen Leitfaden zur Hand und muss, so er es nicht gleich versteht, auch nicht geharnischten Tadel befürchten, da allein im Studierstübchen mit diesem anspruchsvollen Autor – der sich in der Biographie erstaunlich wenig Mühe gibt, sich in ein allzu helles Licht zu rücken. Louis van Gaal ist ehrlich; das Buch hat darin viele starke Seiten, weil er zu manchem steht, das andere Lebensbeichten elegant umgehen: Seine Sehnsucht danach, geliebt, wenigstens aber gemocht zu werden, ist gelegentlich annähernd rührend. Und: Geht es nicht jedem so? Van Gaal führt ohne Scheu Argumente für die eigene Liebenswürdigkeit ins Feld, auf nicht aufdringliche Weise, und was er über sein Leben, gerade auch sein privates, erzählt, beeindruckt in einer ihm sehr eigenen Offenheit. Man erahnt einen starken Charakter mit tatsächlich sehr sympathischen Facetten, selbst, wenn man sich an seinem Wertebegriff reiben oder stoßen kann. Wäre es kein allzu abgegriffenes Sprachbild, könnte man diesen Stil kompromisslos nennen.

So oder so: Der Trainer des Jahres 2010 – der erste Ausländer, dem diese Ehre in Deutschland zuteil wurde – wäre gerade nach seinem Abschied aus Deutschland ein würdiger Buch-Preisträger. Ein recht umfassend sehr würdiger sogar.

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