Platz 6 Fußballbuch 2015

Kurt Landauer

Der Mann, der den FC Bayern erfand. Eine Biografie (2014)
Platz 6 Fußballbuch des Jahres 2015
Orell Füssli
Verlagsinfo
19,95 Euro
978-3-280-05567-0

Rezension: Kurt Landauer

Ludger Schulze

Im Juni 1932 gewann der FC Bayern München erstmals die deutsche Fußballmeisterschaft. Nach ihrer Rückkehr vom Endspiel wurde die Mannschaft im Triumphzug durch die von Zehntausenden gesäumten Straßen der Innenstadt gefahren, in einer der Pferdekutschen saß der Hauptverantwortliche für diesen historischen Erfolg: Kurt Landauer, langjähriger Präsident des Vereins. Wenige Monate später gab er, um den Verein vor Schaden zu bewahren, den Vorsitz notgedrungen ab. Denn kurz zuvor, im Januar 1933, hatten die Nazis die Macht übernommen. Sie nannten den FC Bayern „Judenclub“, weil Landauer und einige seiner Vertrauten im Klub Juden waren.

Im November 1938 wird Landauer verhaftet und ins KZ Dachau deportiert, er wird vom Wachpersonal verprügelt und gedemütigt. Seine Würde lässt er sich nicht nehmen. Später gelingt ihm im letzten Moment die Flucht in die Schweiz, er überlebt mit knapper Not. Vier seiner Geschwister hingegen werden von Hitlers Mördern ums Leben gebracht. Nach dem Krieg kehrt Landauer zurück ins zerstörte Deutschland, das Land der Täter, wird erneut zum Präsidenten gewählt und treibt den Wiederaufbau des FC Bayern wie des Landes voran. 1951 wählt man ihn ab, vermutlich haben die Vereinsmitglieder es nicht mehr ertragen, in der Person des Präsidenten permanent an die eigene, unheilvolle Vergangenheit erinnert zu werden.  

Das ist die Geschichte, die Dirk Kämper in der Biographie „Kurt Landauer“ romanhaft erzählt. Es ist die erschütternde Lebensgeschichte eines liberalen, weitsichtigen, durchaus auch konservativen Mannes, dem Funktionärsmief und Deutschtümelei jedoch zuwider sind. Landauer, der streitbare Ur-Münchner, macht seinen FC Bayern zur Nummer 1 im Land, er erwirbt große Verdienste um den deutschen Fußball im allgemeinen. Das ist spannend und anschaulich geschrieben, aber noch beeindruckender, noch packender ist die durch 170 zum Teil ausführliche Fußnoten begleitete Zeitreise durch 60 Jahre deutscher Geschichte. Ausgeleuchtet wird am Beispiel Landauers der Umgang der Deutschen mit ihren jüdischen Mitbürgern, die zunächst um die Wende zum 20. Jahrhundert geduldet wurden, dann als Kanonenfutter im Ersten Weltkrieg hochwillkommen waren, kaum zwei Jahrzehnte später grausam verfolgt und millionenfach vernichtet wurden, und schließlich noch einmal verhöhnt wurden, weil Nachkriegs-Deutschland ihnen Gerechtigkeit verwehrte und sich um das Eingeständnis seiner Schuld drückte.

Man kann sich gut vorstellen, welche Wirkung diese Mischung aus historischem Lehrstoff und unterhaltsamer Fußballschilderung auf junge Leute beispielsweise im Geschichtsunterricht haben dürfte. Etwas Besseres lässt sich kaum über ein Buch sagen.

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