Platz 8 Fußballbuch 2006
Literatur Fußballbuch

Jürgen Klinsmann

Stürmer, Trainer, Weltmeister (2005)
Platz 8 Fußballbuch des Jahres 2006
© Julia Zimmermann, 2011
Scherz
16,00 Euro

Rezension zu: Jürgen Klinsmann

Hans Böller

Natürlich ist es eigentlich vollkommen unmöglich, Christoph Biermann nicht zu nominieren. Natürlich gehören Ludger Schulze und Josef Kelnberger - stellvertretend für das Kreativteam der SZ-WM-Bibliothek - auf die Liste. Und natürlich wäre es schön, dürfte man elf Werke vorschlagen - man fände sie, dazu sogar noch Joker vom Schlage Odonkor oder Neuville (oder del Piero, denn Birgit Schönau darf schon gar nicht fehlen). Soviel vorweg, weil es immer heikel ist, einen Kollegen zu nominieren. Trotzdem (und weil wir ja in diesem Sommer gelernt haben, Mut zu beweisen) ganz vertikal: Mein Favorit ist Michael Horeni mit seiner Klinsmann-Biographie - und natürlich nicht nur, weil eine Abstimmung im Superdeutschlandfußballjahr 2006 ohne Klinsi geradezu unvorstellbar wäre.

Es ist ein sehr gutes, sehr interessantes Buch, und bei allem großen, berechtigten und nötigen Respekt vor literarischen und philosophischen Einlassungen zum Thema tut eine schöne Biographie dem Angebot an die Juroren gewiss auch gut. Und dieses ist wahrlich eine schöne Biographie: Klinsmann beschäftigt unsereinen schließlich schon länger, sehr intensiv während der vergangenen Wochen - und in Berlin, wo ich Horenis Buch dabei hatte, fand ich beim Lesen doch immer wieder Neues und Interessantes, zumal diese Biographie auch viel über Fußball erzählt und den Verband, dessen Auserwählte ihr Land jetzt so beglückt haben. Wie es alles ausgehen würde nach dem furiosen Finale im Spiel um Platz drei, konnte man sich überdies sehr gut vorstellen, wenn man noch einmal das Kapitel über den Spieler Jürgen Klinsmann an der  White Hart Lane in Tottenham gelesen hatte - wer sich von der Liebe der Engländer nicht zum Bleiben erweichen lässt, dem würde es mit den deutschen Landsleuten nicht anders gehen. Auf diesen Seiten erzählt Horeni auch viel über England, so, wie man viel über Italien (Inter, Samp) erfährt - und natürlich darf weder Italien noch England im zu kürenden Buch des Jahres fehlen.

Dass Michael Horeni es im WM-Jahr schaffte, wahrscheinlich in seiner Freizeit ein Buch zu schreiben, das in keiner Zeile wie eine schnelle Produktion fürs Fußballjahr 2006 aussieht, sondern mit Blick für das Ganze und Liebe zum Detail glänzt, ist ohnehin bewundernswert - und diese Biographie ist tatsächlich auch ein Lesevergnügen.  Horeni schreibt unaufdringlich, nie manieristisch, aber mit Hintersinn und unterhaltsam - es geht Horeni, wofür man die FAZ ja immer preisen muss, um die Sache, nicht um die Selbstdarstellung.  Und trotz der notwendigen Nähe zur Person Klinsmann - gesehen auch aus den Perspektiven ihrer Wegbegleiter - geht dabei die journalistische Distanz nie verloren; der nette Sunnyboy ist auch der harte Verhandlungspartner, ein Profi so weltoffen und lernbegierig wie geschäftstüchtig und berechnend. Man kann Klinsmann danach sympathisch finden oder auch genau dieses nicht - das Buch wird man mögen.  

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