Platz 7 Fußballbuch 2012
Literatur Fußballbuch

Im Inneren der Haut

Das Leben des Fußballspielers Matthias Sindelar (2011)
Platz 7 Fußballbuch des Jahres 2012
Egoth Verlag
14,90 Euro

Rezension: Im Inneren der Haut

Matthias Lieske

Tiqui-Taca haben die Spanier jene von Kurzpässen geprägte Spielweise getauft, mit der sie ihre Gegner gern zur Verzweiflung treiben, zuletzt die Italiener im EM-Finale. Wer allerdings glaubt, diese anspruchsvolle Form des Fußballspielens sei vom FC Barcelona erfunden worden, der liegt daneben. Genauer gesagt, er liegt ein Dreivierteljahrhundert daneben. Tiqui-Taca spielte auch schon das österreichische „Wunderteam“ der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, nur hieß es damals auf gut Wienerisch „Scheiberln“. Und der König des Scheiberlns, das war Matthias Sindelar.

Sindelar war ein spindeldürrer Mittelstürmer, der mit seinen Finessen und Verspieltheiten nicht nur die Gegner, sondern gelegentlich auch Österreichs Verbandskapitän Hugo Meisl zum Wahnsinn trieb. Der Papierene, wie man ihn nannte, war ein begnadeter Torschütze, und er war ein Volksheld, so populär und legendär, dass er den Dichter Friedrich Torberg nach seinem frühen Tod zu einer schwärmerischen Ode inspirierte, deren berühmtester Satz lautete: „Er spielte stets. Er kämpfte nie.“ Ein Satz, der mit der Wahrheit so wenig zu tun hatte wie einiges andere am Gedicht, zumindest, wenn man Wolfgang Weisgram glauben darf.

Der Wiener Sportjournalist hat über Matthias Sindelar einen biographischen Roman mit dem Titel „Im Inneren der Haut“ geschrieben, der im Egoth-Verlag als Paperback erschienen ist und eine Interpretation des Lebens seines Protagonisten bietet. Nicht unbedingt genauso, wie es gewesen ist, aber, gestützt auf intensive Recherchen, so wie es gewesen sein könnte. Im Mittelpunkt der Geschichte, die den letzten Tag im Leben Sindelars und davon ausgehend in Rückblenden seinen Lebensweg schildert, steht nicht der Fußballer, obwohl die großen Spiele, die großen Triumphe und die Enttäuschungen durchaus vorkommen, sondern der Mensch, der Motzl, wie ihn seine Freunde nannten. Das schüchterne Kind mährischer Eltern aus dem Wiener Stadtteil Favoriten, das sich zeitlebens mit dem Fußball besser ausdrücken konnte als mit Worten.

Viel ist gemutmaßt worden über den Tod Sindelars, der im Januar 1939 mit seiner Geliebten 35-jährig an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben war. Selbstmord, lautete die gängige Theorie, aus Kummer über die politische Entwicklung, nachdem der Stürmer im sogenannten Anschlussspiel seinen letzten Auftritt im Nationalteam gehabt hatte. Schon unter dem Namen Ostmark spielte Österreich damals noch einmal gegen das „Altreich“ Deutschland und gewann weisungswidrig, nachdem Sindelar und seine Kollegen den Gegner komplett lächerlich gemacht hatten. Für das gemeinsame Team bei der WM 1938 in Frankreich sagte Sindelar dem Reichstrainer Sepp Herberger dann ab.

Weisgram lässt keinen Zweifel daran, dass er die Selbstmordversion für Unsinn hält und den Tod des Paares für einen Unfall. Sein Sindelar ist ein gänzlich unpolitischer, ein wenig naiver Mensch, der auch nichts dabei findet, ein Kaffeehaus zu übernehmen, das sein jüdischer Besitzer gezwungenermaßen verkaufen muss. Dieser Sindelar ist mit sich und der Welt, so schlecht sie sich auch entwickelt hat, im Reinen, fern jeden Gedankens, seinem Leben ein Ende zu setzen. „Im Inneren der Haut“ ist aber nicht nur eine gelungene und überaus plausible Biografie, sondern der mit ebenso verspielter wie kundiger, man möchte fast sagen, scheiberlnder Feder geschriebene Roman lässt auch das Wien der ersten vier Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts lebendig werden. Und er liefert ein beeindruckendes Vokabularium ur-wienerischer Ausdrücke. Dieses Strawanzen und Tachteln und Gaberln und Hirscheln, allein das ist schon die Lektüre wert.

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