Platz 8 Fußballbuch 2017

Heimspiel

Menschen bei Borussia (2016/2017)
Platz 8 Fußballbuch des Jahres 2017
Verlag Kettler
Verlagsinfo
19,90 Euro
978-3-86206-568-4

Rezension: Heimspiel - Menschen bei Borussia

Birgit Schönau
Ein Ethnologe beim Stamme Fußball

Nein, ich bin kein Fan von Borussia Mönchengladbach. Aber hier geht es ja nicht um ein Fan-Buch. Markus Bullik hätte sein Fotoprojekt „Heimspiel – Menschen bei Borussia“ auch bei einer anderen Borussia, einem anderen Verein realisieren können. Nicht nur, weil es Schwarzweiß-Fotos sind, die Vereinszugehörigkeit also nicht doch aufgetragen wird. Vor allem, weil in jedem Stadion der Welt jene Menschen arbeiten oder feiern, die Bullik hier porträtiert. Menschen, ohne die der Fußball nicht Fußball wäre, dabei sind sie gar keine Spieler. Vielmehr PolizistInnen, Ordner und Reinigungskräfte, Brezenverkäufer, der Tonregisseur und der Stadionsprecher, die Verantwortliche für die VIP-Loge und der Balljunge, der Flaschensammler, ein Greenkeeper und eine Hostess. Und dann Schiedsrichter, Geschäftsführer, Präsident und jede Menge Fans, auch gegnerische. Allesamt eingefangen in einem Moment der Ruhe, sogar der Gelöstheit. Fußballmenschen unter sich und bei sich, ganz ohne Fußball. Den sieht man nicht, obwohl er natürlich immer präsent ist, als größter gemeinsamer Nenner, Identitätsstifter oder doch zumindest Arbeitgeber.

Bullik, Jahrgang 1963, stammt vom Niederrhein und ist mit den Gladbacher Fohlen aufgewachsen. Das war sicher eine gute Voraussetzung für seine Langzeitstudie. Wichtiger aber ist, dass der Autor neben der Fotografie auch Ethnologie studiert hat. Als Fotoreporter ist Bullik weitgereist, dass er sich vor allem auf Brauchtum und Stammeskulturen spezialisiert hat, merkt man seinem Borussia-Werk an. Zwei Jahre lang widmete sich der Fotograf den Menschen im Biotop seines Lieblingsvereins – und betrachtete und behandelte sie dabei wie Mitglieder eines besonderen Volksstamms. Seine Studie möchte er als „eine Art Heimatkunde“ verstanden wissen, wohlgemerkt ohne den Hauch von Fußball-Folklorekitsch.

Sicher, es gibt sie, die Porträts von Hardcore-Fans, tätowiert bis zum Anschlag und mit langen Kutten. Aber Bullik zeigt sie nicht in der Kurve, sondern außerhalb des Stadions, manchen sogar irgendwo in der Landschaft. Und siehe da, die wilde Pose fällt von ihnen ab, sobald die Leute nicht mehr Teil des Kurvenrudels sind, sondern ganz für sich allein stehen. Umso eingehender mag man sie studieren, die Frauen im besten Damenalter, die Schuljungen mit Indianerkopfputz, die alten Rocker und die jungen Bürger. Ja, das ist der Niederrhein und unwillkürlich wird er dem Betrachter wahnsinnig sympathisch, weil Bullik selbst seinen Protagonisten so viel Sympathie entgegen bringt. Was auch daran liegt, dass er dem dröhnenden Spektakel Fußball für einen Moment den Stecker zieht. Für einen Moment ist Schluss mit dem Geschrei. Bullik bringt Stille in den Fußball – und das ist ebenso exotisch wie genial.

Er will ja weder entlarven, noch anklagen, noch zelebrieren. Auch nichts inszenieren, am wenigsten sich selbst. Sondern einfach zeigen, was das für eine Welt ist, in der sich alles um den Fußball dreht und auch wieder nicht. Erst beim dritten oder vierten Durchblättern merkt man, wie genau der Fotograf Bullik hingeschaut hat, wie messerscharf und doch freundlich er analysiert. Und spätestens nach dem fünften Mal will man sofort in den Borussia-Park, um alle diese Menschen in Bewegung zu sehen. Die Kameraleute und die Kollegen auf der Pressetribüne, den Würstchenbräter und den Funkmessbeamten. Und natürlich, warum nicht, die Spieler unten auf dem Feld.

Sozusagen als Kulisse.

 

 

 

 

 

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