Platz 2 Fußballbuch 2014
Literatur

Fußball

Eine Kulturgeschichte (2014)
Platz 2 Fußballbuch des Jahres 2014
S. Fischer
Verlagsinfo
22,99 Euro
978-3-10-021412-6

Die Renzension zur Nominierung

Bernd Gäbler

Der Autor schreibt „Corner“ statt „Ecke“, spricht von „Matchtickets“, wenn es um die Eintrittskarten geht und würde sicher auch das Wort „Paradeiser“ benutzen, wenn denn „Tomaten“ in seinem umfangreichen Buch über die Kulturgeschichte des Fußballs vorkämen. Gelegentlich sind stilistische Anklänge an das Lakonische von Thomas Bernhard oder die Arabesken Heimito von Doderers zu vernehmen. Klaus Zeyringer ist einer der Groß-Intellektuellen in dem uns benachbarten freundlichen Alpenvolk, das seit der Niederlage in Königgrätz von 1866 gegen Preußen einen eigenen nationalen Weg zu beschreiten versucht. Bevor er sich der „Nebensache“ Fußball widmete, hat der Autor eine wuchtige Literaturgeschichte Österreichs seit 1655 (sic!) verfasst. Aber auch seine Fußballkulturgeschichte ist mit 448 Seiten ein strammes Werk geworden.

Auf der Cover-Rückseite empfiehlt Daniel Kehlmann das Buch. Der weiß sicher über alles bestens Bescheid, nur vom Fußball hat er keine Ahnung. Das muss einen aber nicht stören. Denn tatsächlich ist Zeyringers Kulturgeschichte des Fußballs ein kluges Kompendium dessen, was man so weiß oder wissen sollte, wenn man sich einigermaßen gewitzt über den Fußball in Politik und Gesellschaft unterhalten will.  Natürlich startet alles in der englischen Aristokratie, weil das Spiel halt in der englischen Oberschicht seinen Anlauf zur späteren Popularisierung nahm. Die europäische Export/Import-Geschichte wird beleuchtet, der „Schlachtenbummler“ ebenso wie das legendäre englische „White-Horse-Cup-Final“ von 1923. Natürlich darf die „Fußlümmelei“ nicht fehlen, ebenso wenig wie die ausführliche Diskussion, was die Entfaltung des brasilianischen Fußballs, des schönen Spiels („Jogo bonito“) mit Masse, Klasse und Rasse zu tun hat. Dies mündet in gründlichen Darlegungen „nationaler Erzählungen“ mit „weltweitem Echo“: von den peruanischen „Magicos“ bis zu „Uns Uwe“. Manches, was den Nürnberger Fußball-Akademikern vertraut ist, kommt bei Zeyringer vor: Gunter Gebauer und Klaus Theweleit, Nick Hornby und Dietrich Schulze-Marmelings „gezähmter Fußball“, Norbert Seitz mit seinen  übertriebenen Parallelisierungen von Fußball und Politik ebenso wie Thomas Kistners FIFA-Kritik. Gerhard Vinai, Dirk Schümer und Dieter Jütting ebenso wie theoretische Bezüge auf eine Phalanx veritabler Geistesgrößen von Norbert Elias bis Jürgen Habermas. Das Schlusskapitel widmet der Autor der Globalisierung und „Mediatisierung“ des „Milliardenbusiness“ Fußball, der ihm gleichwohl eine immerwährende Quelle für Mythen und Verklärung, aber auch für echte Faszination bleibt.

Als Nation ist sich Österreich seiner selbst mindestens so wenig sicher wie der größere Nachbar im Norden. Die symbolische Aufladung, die für uns das „Wunder von Bern“ mit sich brachte, kam hier dem alpinen Skifahrer und multiplen Olympiasieger Karl Schranz zu – ein „Sommermärchen“ blieb unseren Nachbarn verwehrt. Aber kein Österreicher dürfte über Fußballkultur schreiben ohne den Dualismus von der „Schlacht“ im nordargentinischen Córdoba am 21.Juni 1978 und dem „miesen Nichtangriffspakt“ im spanischen Gijón vom 25. Juni vier Jahre später aufzuarbeiten. Zeyringer tut dies ausführlich. Für das Buch  „20 Jahre Córdoba“, so berichtet er, hat der Wiener Bürgermeister sein Geleitwort mit dem Titel: „Die Rache für Königgrätz“ versehen.

Schon damit es so nicht ewig weitergeht, sollten wir voller Respekt und großherzig Klaus Zeyringers Kulturgeschichte des Fußballs in Deutschland zum „Fußballbuch des Jahres“ küren. Denn hier hat einer im Alleingang geschafft, wozu andere ganze Akademien brauchen.

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