Platz 11 Fußballbuch 2010
Literatur Fußballbuch

FC St.Pauli. Das Buch.

Der Verein und sein Viertel (2009)
Platz 11 Fußballbuch des Jahres 2010
Hoffmann und Campe
39,95 Euro

Rezension zu: FC St.Pauli. Das Buch.

Philipp Köster

Der FC St. Pauli ist seit Anfang der Neunziger Jahre der Lieblingsverein des deutschen Feuilletons. So smart, so links, so Underdog. Und dann auch noch aus Hamburg, DER deutschen Pressestadt. Weil nun schon soviel über den Stadtteilklub geschrieben wurde, ist inzwischen nur noch selten klar, was echt ist und was Marketing. Ist ein Trainingslager auf Kuba revolutionär? Oder dass die VIP-Logen im neuen Stadion im Puff-Ambiente daherkommen? »FC St. Pauli« ist »Das Buch« gegen alle Zweifel. Michael Pahl und Christoph Nagel, Redakteure des Stadionmagazins, haben zum 100. Geburtstag des Klubs die wohl endgültige  Chronik des Klubs geschrieben. Es ist ein Herkuleswerk in jeder Hinsicht, 416 Seiten, über 1000 Fotos, die Vereinsgeschichte hochauflösend und in 3D, sozusagen.

Nun hat sich gottlob, angetrieben durch die Verdienste der Pioniere Arnd Zeigler (Bremen) und Axel Formeseyn (das andere Hamburg), diese Art von Vereinsgeschichtsschreibung ohnehin als Königsweg etabliert. Eben nicht nur Daten, Zahlen und Spielerwechsel zu repetieren, sondern durch eine Vielzahl von zeitgenössischen Zeitungsberichten, Schnappschüssen, Schlagzeilen, Dokumenten Fußballgeschichte gegenwärtig zu machen. Ohne den anderen Herren aus dem Norden allerdings zu nahe treten zu wollen: Nagel und Pahl hatten den schwierigeren Job. Weil sie nicht nur die Geschichte des Klubs, sondern auch die des Stadtteils mit erzählen mussten und dabei insbesondere in den letzten zwanzig Jahren Legenden von Tatsachen, Verklärung von Pioniertaten unterscheiden mussten.

Und dabei bei aller Begeisterung nicht in jene haltlose Bewunderungshaltung verfallen durften, die viele Chroniken zu einem etwas klebrigen Lesevergnügen werden lassen. Pahl und Nagel, beides auch noch Historiker, haben das mit Bravour gemeistert, die Chronik hat Witz, Tempo und, ja tatsächlich, Tiefe. Der auswärtige Leser lernt den Klub neu kennen, als ungewöhnlichen, schillernden, unangepassten, und, das ist vielleicht die größte Leistung des Buches, mitunter auch ganz normalen Fußballverein. Was nicht zum Liebesentzug durch das Feuilleton führen muss. Nagel und Pahl wissen: »Dahinter steckt immer ein toter Kopf!«

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