Platz 12 Fußballbuch 2011
Literatur Fußballbuch

Emanzipation und Fußball

(2011)
Platz 12 Fußballbuch des Jahres 2011
Panama-Verlag
19,90 Euro

Rezension zu: Emanzipation und Fußball

Claus Spahn

Als Triumph der Emanzipation will die Frauenfußball-WM in Deutschland nicht so recht taugen. Das Medieninteresse war zwar riesig, die Fernseheinschaltquoten stiegen auf Rekordniveau und die Weltmeisterinnen bekamen kein Kaffeegeschirr von Villeroy & Boch mehr als Siegprämie überreicht wie die deutschen Fußballfrauen, als sie 1989 die Europameisterschaft gewannen. Aber hat sich bei der WM gesellschaftlich wirklich etwas bewegt? Hinter manch gönnerhaftem Kommentatorenlob verbargen sich immer noch die alten Ressentiments. Und dass Birgit Prinz tatsächlich vor acht Jahren ein ernst gemeintes Angebot gehabt haben soll in der Männermannschaft des FC Perugia in der ersten italienischen Liga zu kicken, hält man nach wie vor für eine von Machos höhnisch erfundene Anekdote.

Die wahre (!) Birgit-Prinz-Geschichte findet sich in dem Buch „Emanzipation und Fußball“, in einem Aufsatz von Nina Holsten und Simone Wörner über die Geschichte des Frauenfußballs. Das Buch fasst die Vorträge einer Tagung zusammen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung im Oktober 2010 zum Thema „Emanzipation und Fußball“ veranstaltete, und alle Texte bestätigen eindrucksvoll die These, dass die Relevanz des Fußballs noch nie an den Außenlinien des Spielfeldrandes geendet hat. Den Fußball sehen die Herausgeber Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider nicht nur als Spiegelbild der Gesellschaft, sondern als gesellschaftlichen Akteur mit weitreichender Wirkung.

Alleine mit der simplen, vom ersten Anstoß an gestellten Frage, wer auf dem Platz mitspielen darf und wer nicht, positioniert sich der Fußball in den großen Debatten um Integration und Ausgrenzung – und die Autoren der faktenreichen und sehr gut lesbaren Vorträge haben genau hingeguckt, wer seit den Ursprüngen der „englischen Krankheit“ mitspielen durfte und wer nicht. Das Themenspektrum spannt sich von den Anerkennungskämpfen der Fußballpioniere im 19. Jahrhundert und die Integrationskraft, die von ihren neu geknüpften Netzwerken ausging bis zur Homophobie, die die Lesben und Schwulen bis heute im Fußball erleben. Ein Aufsatz von Frank Willmann widmet sich dem Fußball-Rowdytum in der DDR als kleiner oppositioneller Nische. Daniel Küchenmeister skizziert am Beispiel von Fußballerkarrieren der Weimarer Republik, wie sehr der Sport in jüdische Exilantenschicksale oder NS-Verbrecherkarrieren hineinwirkte. Die Integrationsbeauftragte des DFB Gül Keskinler spricht über die Perspektiven von Sportlern mit Migrationshintergrund im Fußball.

Wer das Buch gelesen hat, glaubt keine Sekunde mehr daran, dass Fußball nur mit Fußball zu tun hat. Für Emanzipationsbewegungen aller Art ist er von großer Bedeutung. Aber zur Avantgarde in Emanzipationsfragen gehörte er leider nicht.

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