Platz 10 Fußballbuch 2016
Literatur Fußballbuch

Die Zukunft des Fußballs

Woher die nächsten Weltmeister kommen – Recherchen im System Jugendfußball (2016)
Platz 10 Fußballbuch des Jahres 2016
KJM Buchverlag
Verlagsinfo
15,00 Euro
978-3-945465-16-5

Rezension: Die Zukunft des Fußballs

Christian Biechele / kicker-sportmagazin

In dem handwerklich gut gemachten, in flotter, unterhaltsamer Sprache gehaltenen Buch geben die beiden Autoren einen umfassenden, facettenreichen Einblick in die Welt des deutschen Jugendfußballs. Eine der großen Stärken dieses Buches ist es, dass so viele unterschiedliche Akteure zu Wort kommen. Da rückt zum Beispiel der Fußball-Haudegen Horst Hrubesch in Zeiten der abkippenden Sechs und dem öffnenden Vertikalspiel die Dinge herrlich pragmatisch herunter und beschreibt dennoch treffend die Komplexität der Anforderungen im Spitzenbereich. Auch erfrischend sind zum Beispiel die Einblicke, die Ex-Profi Fabian Boll gewährt. Der Co-Trainer der U23 des FC St. Pauli selbst hat es vorgemacht, dass man auch ohne das heutzutage als unerlässlich erachtete, streng durchorganisierte Ausbildungssystem zu durchlaufen im Profibereich Fuß fassen - und dort dann sogar bestehen kann, wenn man „nebenbei“ einem „ordentlichen“ Beruf nachgeht. Dass er diesen Werdegang jedoch nicht glorifiziert, sondern ebenso kritisch analysiert wie auch das heute gängige System, macht diesen Beitrag so lesenswert. Generell ist das aus vielerlei Blickwinkeln abgewogene Hinterfragen, das Aufzeigen von Schwächen sowie Risiken im System Jugendfußball, ohne in ein Schwarz-Weiß-Raster zu verfallen, eine der großen Vorzüge dieses Buches. Was sich indes auch zeigt: Nicht immer sind die namhaften Gesprächspartner die aussagekräftigen. Das Interview mit dem aktuellen HSV-Profi Lewis Holtby enthält viele Phrasen, was bereits die Überschrift „Die Bundesliga ist kein Ponyhof“ verrät.

So vielschichtig sich die Autoren der Zukunft des Fußballes annehmen, so ist doch ein Aspekt nahezu unberücksichtigt geblieben – und zwar der des Breitensports. Die Autoren recherchierten zwar auch an der Basis, doch dabei richteten sie den Fokus nur darauf, wie Mädchen oder Junge es nach ganz oben schaffen können oder sollen. Dass das Sichtungssystem des DFB mit seinem Stützpunktraining zum Beispiel gerade den kleineren, beziehungsweise nicht in den höchsten Ligen spielenden Vereinen ganze Jahrgänge wegbrechen lässt, weil die Jugendlichen dort massiv abgeworben werden, ist ein Umstand, der gerade für die Zukunft des Fußballes auf Amateurebene einen nicht unwesentlichen Faktor darstellt.  Viele Jugendliche, die dann den Sprung in die höhere Liga nicht schaffen, gehen auf Sicht dem Fußball ganz verloren. Im Herrenbereich auf Amateurebene ist in den vergangenen Jahren ein alarmierender Trend zu beobachten: Die Zahl der Mannschaften im Punktspielbetrieb nimmt aufgrund von Nachwuchsmangel kontinuierlich massiv ab.

Ein weiterer Aspekt, der dem Buch gutgetan hätte: der Blick über den Tellerrand des Fußballes. Es kommt an vielen Stellen die Belastung für die Jugendlichen die Sprache, und wie sehr ihr Tagesablauf verplant ist – hier einen Vergleich zu anderen, deutlich trainingsintensiveren Sportarten wie Schwimmen oder Turnen zu ziehen, wäre sicher interessant gewesen.

Unterm Strich ist dieses Buch freilich ein sehr gelungenes, das auf erfrischende Weise nicht nur einem mit dem Jugendfußball-Unvertrauten ausgewogene und interessante, weil hintergründige Einblicke und Ansichten gibt. Und somit auch zu Recht ein Kandidat zum „Fußballbuch des Jahres“.

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