Platz 6 Fußballbuch 2007
Literatur Fußballbuch

Zidanes Melancholie

(2007)
Platz 6 Fußballbuch des Jahres 2007
FVA
5,00 Euro

Rezension zu: Zidanes Melancholie

Christof Siemes

Okay, eigentlich ist es gar kein Buch, bestenfalls ein Büchlein, 32 Seiten, luftig gesetzt, dazu viele Fotos, ein Anmerkungsteil. Und doch ist es ein großes Buch, widmet es sich doch einem der ikonischen Momente in der Geschichte des Fußballs: Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi im Finale der WM 2006. Der Autor war live dabei (die von ihm selbst gemachten Fotos, umbrochen als Sehschlitze in die Metaphysik des Fußballs, zeigen, dass er hinter einem der Tore stand). Gesehen aber hat er die Stierwerdung des Franzosen so wenig wie die meisten im Stadion. Dafür ist ihm dazu mehr eingefallen als den meisten.

Der Essay lebt von der Furchtlosigkeit, mit der Toussaint behauptet zu wissen, was in Zidane vorging: „… mit überwältigender Intensität empfand er das Gefühl, da zu sein, einfach nur da zu sein“. Auch im Folgenden spart der belgische Autor nicht mit Thesen, die so steil sind wie Zidane beste Pässe: „Den Weltmeisterpokal zu schwenken bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den eigenen Tod zu akzeptieren.“ Zidane, in alter Künstlertradition ein Melancholiker, dem die Vollendung versagt bleibt, „kann die Welt und sich selbst nicht mehr ertragen“, die Form „widersetzt sich ihm“. Höhepunkt ist schließlich Toussaints Erfindung von „Zidanes Paradox“ in Anlehnung an den berühmten Trugschluss des Zenon von Elea: So wie Achill eine Schildkröte nicht einholen kann, wenn sie nur ein bisschen Vorsprung hat, so „hätte Zidanes Kopf niemals den Gegner erreichen können, denn jedesmal, wenn Zidanes Kopf die Hälfte des Weges zurückgelegt hätte, der ihn vom Körper seines Gegners trennte, dann wäre noch die andere Hälfte des Wegs zurückzulegen…“

Alles klar? Das ist Fußballphilosophie auf ihrem nicht unironischen Gipfelpunkt. Deshalb ist „Zidanes Melancholie“ mein Fußballbuch des Jahres.

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