Platz 7 Fußballbuch 2007
Literatur Fußballbuch

Die Legende vom Club

Die Geschichte des 1. FC Nürnberg (2007)
Platz 7 Fußballbuch des Jahres 2007

Rezension zu: Die Legende vom Club

Hans Böller

Aus Nürnberg jetzt den Club ins Spiel zu bringen – das könnte wie reiner Lokalpatriotismus wirken. Und, zugegeben: Beim Fußball ist der Franke schließlich auch wieder Lokalpatriot. Denn der Club, also der 1.FC Nürnberg, ist nicht mehr der Verein, dessen Schal man lieber verschämt unterm Mantel trug. Sondern ein strahlender junger Pokalsieger mit wunderbaren Fußballern wie Marek Mintal, Robert Vittek, Javier Pinola oder Ivan Saenko. So heißen die Wabras, Wenauers, Strehls und Leupolds von heute. Wieder einmal, nach vier Jahrzehnten, hat der Club eine prächtige Mannschaft, und man könnte richtig Lust bekommen, ein Buch über diesen 1.FC Nürnberg zu schreiben.

Das würde trotzdem kein Erfolg. Denn es gibt schon ein solches Buch – und besser als Harald Kaiser, Christoph Bausenwein und Bernd Siegler kann man über den Club nicht schreiben. Wer jetzt wissen will, was den speziellen Reiz gerade dieses Vereins, dieses leuchtenden Sterns der Fußball-Frühzeit, dieser späteren Skandalnudel und Fahrstuhltruppe, immer ausgemacht hat, erfährt es – auf spannende, kurzweilige Weise, denn die Geschichte ist voller Dramatik, aber auch Komik, und manchmal fesselnd wie ein Krimi. Im vergangenen Herbst ist im sehr schönen Verlag Die Werkstatt die Neuauflage der "Legende vom Club" erschienen - schon ein Beleg für die Genialität des Autoren-Trios, das erklärtermaßen ahnte, dass irgendetwas passieren würde. Ein paar Monate später war Nürnberg DFB-Pokalsieger. Es war der erste Titel seit 1968, seit 39 Jahren! Volltreffer.

Das Buch lebt aber nicht vom Erfolg. Club-Freunde sind keine Erfolgs-Fans, sonst gäbe es längst keine mehr. Vielmehr gelingt es Siegler, Bausenwein und Kaiser glänzend zu erklären, warum die Menschen so am Fußball – an ihrem Club, in diesem Fall: am Club - hängen, warum dieses Spiel viel mehr ist als immer wieder 90 Minuten kicken. Und deshalb weist dieses Standardwerk weit über den regionalen Rahmen hinaus. Der Fußball prägt die Menschen, überall im Land und auf ganz unterschiedliche Weise – die Autoren machen am Beispiel Nürnberg anschaulich, wie das geschieht. Und dieser 1.FC Nürnberg hat eine Historie, in der nichts fehlt; kein zweiter deutscher Verein hat eine so turbulente Geschichte: Genie und Wahnsinn, Leidenschaft und Schrecken. Nürnberger Fußball hat über ein Jahrhundert das richtige Leben widergespiegelt: mit seinen Arbeitern und Künstlern, mit Größenwahn und mit Bescheidenheit, mit schönen Plänen, enttäuschten Hoffnungen und falschen Propheten. Der Fleißigste kann einfach nur Pech haben – oder im unverhofftesten Moment sein Glück erleben.

So war, so ist Nürnberger Fußball. Ein pralles Stück Leben. Und so gibt es in Nürnberg tatsächlich ansonsten ganz und gar vernünftige, weltoffene Menschen, die glauben, dass Unglückssträhnen in ihrem Leben auf das Geburtsjahr 1969 zurückzuführen sind: Da stieg Nürnberg als Deutscher Meister ab. Und der Pokalsieg 2007, der erste Titel im Leben der Neunundsechziger: natürlich ein gutes Omen für das wirkliche Leben, zu dem der Club ja auch gehört, zur Zeit sogar sehr.

Soviel Fußball-Philosophie vermitteln die Autoren aber ganz nebenbei – es ist auf keiner Seite ein angestrengt akademisches Werk, sondern einfach ein intelligentes Lese-Vergnügen mit viel fußballerischer Substanz. "Die Legende vom Club" ist aber natürlich erst recht keine Chronik, obwohl im umfassenden, akribisch recherchierten Anhang keine wichtige Zahl fehlt. Es ist Sport- und Gesellschaftsgeschichte und fußballerisches Sittengemälde - mit viel Herz zu Papier gebracht, aber auch, wo nötig, mit leidenschaftlichem Zorn. Die Autoren bekennen sich zu ihrer Liebe zum Club - aber es ist keine Liebe, die blind macht, sondern eine Liebe, die viele Enttäuschungen überstanden hat, eine besondere Liebe, die vielleicht gar nicht erfährt, wer keine Krisen kennt. Davon berichten die Menschen, die in diesem Buch vorkommen, auch. Wunderschöne Interviews mit Zeitzeugen aus verschiedenen Epochen machen die Vergangenheit lebendig – der beim Club kickende Zwangsarbeiter fehlt so wenig wie jener Röthenbacher Autohändler, der den famosen Mintal angeblich nach Nürnberg lotste.

"Die Legende vom Club" ist ein Buch, das sogar die Liebste im Urlaub liest – durchliest, fast in einem Zuge. Schon lange vor dem Pokalfinale. Wer Fußball liebt, wird "Die Legende vom Club" lieben. Wer lernen will, Fußball zu lieben, kann mit diesem Buch beginnen. Es könnte der Anfang einer wunderbaren Geschichte werden.

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