Platz 4 Fußballbuch 2010
Literatur Fußballbuch

Die Hand Gottes und andere Tangos

Fußballgeschichten. Übers. von Strobel, Matthias (2010)
Platz 4 Fußballbuch des Jahres 2010
Berlin Verlag
19,90 Euro

Rezension zu: Die Hand Gottes und andere Tangos

Matthias Lieske

Die Fußballbegeisterung der Argentinier hat ein bisschen was vom Ruhrgebiet. Fast genau so wichtig wie die Liebe zum eigenen Verein ist der Hass auf einen anderen. Oft entscheidet sich schon mit der Geburt, was im weiteren fußballerischen Leben das Gute ist und was das Böse, ein Zurück gibt es nicht. Oder manchmal doch, zumindest in Eduardo Sacheris Geschichten, die so verwinkelt sind wie ein Dribbling von Diego Maradona und in denen häufig wie bei dessen Toren ein letzter raffinierter Schlenker den Schlusspunkt setzt. Natürlich gibt es auch bei Sacheri eine Ode an Argentiniens größten Spieler, die dem Buch den deutschen Titel lieferte, und besonders hier erweist sich der Autor als echtes Kind seines Landes. Völlig selbstverständlich feiert er Maradonas Handtor bei der WM 1986 gegen England als vollkommen gerechte Vergeltung für die englische Besetzung der Malwinen und den daraus folgenden Krieg. Nicht eine Sekunde kommt es ihm merkwürdig vor, einen Regelverstoß in einem Fußballspiel mit den Schandtaten des Imperialismus zu rechtfertigen. Und der Mann ist Geschichtsprofessor

Viel mehr braucht es nicht, um die argentinische Fußballseele zu verstehen, die Sacheri in seinen Geschichten mit Leben erfüllt. Es geht um Hingabe, aber noch mehr um Abgrenzung, und vor allem ums Gewinnen um jeden Preis, schon im zarten Kindesalter, das auf den Straßen von Buenos Aires nicht ganz so zart daherkommt. Fußball ist hier kein Spiel, sondern eine Mission, und die Gegner aus dem Nachbarviertel sind „eine Clique von Dumpfbacken“, „schlimmer als Hepatitis“ oder werden vor dem Spiel hämisch fotografiert, um sie in ein „Insektenalbum“ zu kleben. Gern gesehen sind – im eigenen Team, versteht sich – auch „blutrünstige Innenverteidiger, die selbst die eigene Mutter in zwei Stücke reißen würden, sollte sie auf die dumme Idee kommen, mit dem Ball am Fuß in ihre Zone einzudringen.“ Alles sehr amüsant und unterhaltsam, wie man sieht, und man kann dem argentinischen Weltmeister von 1986, Jorge Valdano, nur zustimmen, wenn er in seinem Vorwort jeden beneidet, der die Lektüre dieses Buches noch vor sich und nicht, wie er, leider schon hinter sich hat.

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