Platz 1 Fußballbuch 2010
Literatur Fußballbuch Fußballbuch des Jahres

Die Fußball-Matrix

Auf der Suche nach dem perfekten Spiel (2009)
Platz 1 Fußballbuch des Jahres 2010
© privat
Kiepenheuer & Witsch
Verlagsinfo
16,95 Euro
978-3462041446

Rezension: Die Fußball-Matrix

Birgit Schönau

Ist Fußball wirklich eine Wissenschaft für sich? Lässt sich Fußball auf eine Formel bringen? Und kann man das Spiel aller Spiele berechenbar machen? Christoph Biermann beschreibt das Ringen um die “Fußball-Matrix” wie eine moderne Gralssuche, betrieben von Ökonomen, Medizinern und Statistikern, aber auch von so manchem Ritter der Kokosnuss. Sein glänzend geschriebener Essay macht deutlich, wie der Fußball mit wachsendem ökonomischen Gewicht “verwissenschaftlicht” wurde und wie im Computerzeitalter jede Bewegung der Spieler erfasst und ausgewertet wird. Das liest sich ebenso spannend wie vergnüglich, als atemberaubende Reise durch den ideologischen Überbau der populärsten Sportart des Westens.

Biermann hat die Statistik-Gurus des amerikanischen Baseballs besucht, die Ärzte des berühmten AC-Mailand-Labors, die Kölner Sportwissenschaftler und den FC Bayern. In einer der schönsten Szenen seines mit schönen Szenen prallvollen Buchs trifft er Lionel Messi, der ihm gesteht, wie er am Computer mit sich selbst spielt – als Figur in einem Videospiel. Der Messi auf dem Bildschirm sei besser als der reale Messi, sagt der reale Messi. Ein grandioser Satz, eleganter kann man den Abgrund zwischen virtuellem Fußball und dem Geschehen auf dem Platz kaum ausdrücken.

Biermann beschreibt wie der “Footbonaut” funktioniert, eine Ballwurfmaschine für Fußballer, die das gute alte Auf-die-Mauer-donnern mit einem Millionenaufwand elektronisch verbrämt. Er präsentiert die ausgefeilten Statistiken, mit denen es Trainer heute zu tun haben und erklärt, warum Nationalspieler meistens in der ersten Jahreshälfte geboren sind – im Soziologendeutsch “Matthäus-Effekt”, was aber nichts mit Lothar Matthäus zu tun hat, sondern mit dem Apostel.

Noch nie ist die gigantische Wissens- und Deutungsmaschinerie um das Fußballbusiness so detailliert und sachkundig beschrieben worden. Und dabei will der Sportjournalist Biermann seine Protagonisten nicht entlarrven. Er hält sich mit Urteilen zurück, er begnügt sich klug damit darzustellen, wie viele Menschen sich um die Perfektion eines Spiels den Kopf zerbrechen, das sie selbst weder bestreiten noch lenken können. Übrigens sind die Gralssucher der Fußballwissenschaft allesamt Männer, was vielleicht erklärt, dass sie so vollkommen vor Selbstironie gefeit sind. Dass es in der Welt der totalen Fußballberechnung auch nicht immer mit rechten Dingen zugehen kann, ist klar – und Biermann stellt Doping und Schiedsrichterbestechung dar als Teil des Systems.

Aber wo bleiben in diesem System die Spieler? Nun, sie sind gleichzeitig Zielscheibe aller Berechnungen und Bemühungen – und vollkommen unberechenbar. Denn auf dem Platz zählt auch, wie einer geschlafen hat, wie seine Tagesform ist. Und auf dem Platz zählt der Zufall. Der Zufall sei die eigentliche Größe im Fußball, hat Gigi Riva einmal gesagt. Der Zufall kann ein WM-Finale entscheiden, er bestimmt über Schicksale und Legenden. Christoph Biermann schreibt: Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos. Das muss man aushalten können, wie im wahren Leben.”

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