Platz 4 Fußballbuch 2012
Fußballbuch des Jahres Literatur

Die Brüder Boateng

Drei deutsche Karrieren (2012)
Platz 4 Fußballbuch des Jahres 2012
© Julia Zimmermann, 2011
Tropen Verlag
18,00 Euro
978-3-6085-0308-1

»Kevin hatte es viel schwerer als ich. In Wedding aufzuwachsen ist anders als in Wilmersdorf.« Jérôme Boateng

Drei Brüder, zwei Mütter, ein Vater, ein Ziel: Fußballprofi zu werden.
George, der älteste, hat es nicht geschafft. Heute züchtet er Hunde und macht Musik. Kevin hat bei der WM 2010 für Ghana gespielt und trumpft nun bei AC Mailand auf. Bei Jérôme, so scheint es, lief alles nach Plan. Er verteidigt für den FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft.

Das Buch erzählt vom Aufwachsen in zwei grundverschiedenen Stadtteilen, von Unterstützung und Vernachlässigung in Familie, Schule und Fußballverein, vom Aufstieg im Profifußball bis hin zu den Spitzenklubs und von Integration und Ausgrenzung.

Die Geschichte beginnt im Berliner Wedding in einem Fußballkäfig am Panke-Kanal. Hier sind George (geboren 1982) und Kevin (geboren 1987) aufgewachsen, hier hat auch ihr Halbbruder Jérôme aus Berlin-Wilmersdorf (geboren 1988) das Fußballspielen gelernt. Doch es geht in diesem Buch um mehr als um Fußball und das Spiel mit und ohne Ball. Es geht um Väter und Söhne, um den abwesenden Vater, den afrikanischen Vater und deutschen Rassismus. Es geht um Schule und Ausbildung, um Familie und Vernachlässigung, um Lehrer und Trainer, um männliche Bezugspersonen. Es geht um Ehrgeiz und den Willen zum Erfolg, ums Kämpfen und Aufgeben, ums Hinfallen und Wiederaufstehen und um ein berühmtes Foul.

Rezension: Die Brüder Boateng

Anna Kemper / Die Zeit

Es beginnt alles im Käfig an der Panke, im Wedding, wo sie Fußball spielen, jeden Tag, so lange sie können. Drei Brüder, besessen vom Fußball, besser als ihre Altersgenossen. George, Kevin-Prince, Jérôme. Drei Talente, ihr Nachname: Boateng. Ihren Weg aus dem Käfig ins Leben kann jeder, der sich ein bisschen für Fußball interessiert, mit Schlagworten pflastern: ghanaischer Vater, unterschiedliche Mütter, Ghettokids, Hertha, der eine landet im Gefängnis, der andere senst Ballack um, der dritte fängt sich und spielt in der Nationalmannschaft. In unendlich vielen Artikeln wurde über sie geschrieben. Es ist doch alles erzählt, dachte man.

Michael Horeni zeigt in seinem Buch: „Die Brüder Boateng“, dass zwar viel erzählt, aber wenig verstanden wurde. Und es gibt so viel zu lernen aus dem, was er nach den langen Gesprächen mit George und Jérôme, ihren Trainern und Lehrern, ihrem Vater und ihren Freunden aufgeschrieben hat: Wie es ist, als Kind von den Eltern seiner Gegner auf dem Platz bespuckt zu werden. Warum die wilden Jungs von Hertha so schwer zu zähmen waren. Wieso eine Sportschule manchmal genau falsch ist, um ein guter Profi zu werden. Wie es dazu kam, dass Kevin-Prince plötzlich für Ghana spielte, ein Land, das er gar nicht kannte. Und dass viele Kleinigkeiten darüber entscheiden können, ob man wie George in Moabit einsitzt oder wie Jérôme in Schloss Bellevue geehrt wird. 

Horenis Buch ist ein Buch über Integration, Bildung, Familie, Fußball-Nachwuchsarbeit, über fremdenfeindliche Reflexe, seelische Verletzungen, die Macht von Medien und Vorurteilen. Es ist erhellend und anrührend, interessant und niemals langweilig. Vor allem aber ist es ein Buch darüber, dass außergewöhnliches Talent ein Geschenk ist, und zugleich eine Last sein kann. Die drei Brüder haben sich freigespielt, jeder auf seine Art.

zurück

Das könnte Sie auch interessieren