Platz 3 Fußballbuch 2006
Literatur Fußballbuch

Deutschlandreise im Strafraum

(2006)
Platz 3 Fußballbuch des Jahres 2006
Berlin Verlag
14,00 Euro

Rezension zu: Deutschlandreise im Strafraum

Christof Siemes

Péter Esterházy ist eine rare Doppelbegabung: ein erstklassiger Autor und ein viertklassiger Spieler. Das ist eine Menge, denn wer je selbst auf dem Platz aktiv war weiß, dass man auch in der vierten Liga viel mehr können muss als nur einen Ball zu stoppen. Als junger Mann spielte Esterházy sogar besser als sein jüngerer Bruder, und der wurde immerhin ungarischer Nationalspieler. Von diesem Bruder handeln einige der Geschichten, die Esterházy in seiner „Deutschlandreise“ erzählt, ein Buch, auf das keine Gattungsbezeichnung passen will, und bei dem schon der Titel irreführend ist, denn diese Deutschlandreise spielt wenigstens zur Hälfte in Ungarn. Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung fuhr Esterházy einige Zeit durch Deutschland, Fußball wurde während dieser Reise sein Navigationssystem; im Buch hat sich die Reisereportage ausgewachsen zu einer Expedition in die weit verzweigten Landschaften der Erinnerung, die im Falle Esterházys überwiegend rechteckig, grün, mit Toren bestückt sind und hinter dem Plattensee liegen.

Das Buch ist eine hinreißende, amüsante, anrührende, (selbst-) ironische Legenden- und Anekdotensammlung: Wie ich mal Puskás die Hand schüttelte. Wie ich mal meinem Sohn anhand eines Spiels der Brasilianer die Existenz des Guten in der Welt beweisen wollte und dabei auf die Schnauze fiel. Wie Ungarn das Endspiel von 1954 doch noch gewann, der Kommunismus nicht unterging, der renitente Schriftsteller P.E. im Gefängnis landete und trotzdem glücklich war.

Und es ist viel mehr als das: Es enthält eine Philosophie des Zuschauens („Zuweilen mit mehr Kraft zuschauen, als das Spiel gespielt wird, das du gerade siehst. Inbrünstig, leidenschaftlich, aufmerksam und unerbittlich zuschauen.“) und eine des Schiedsrichters („ein guter Schiedsrichter muß auch über unserern Undank Bescheid wissen, darüber, daß wir ihn oft mit unserer eigenen Unbeholfenheit und Unfähigkeit bewerfen“), es liefert eine existenzielle Deutung der deutschen (Spiel-) Philosophie („protestantische Ethik plus Lungenkapazität… Die Deutschen machen das Gute, sie arbeiten daran, sie wissen, es gibt nur das, was du selbst erledigt hast“) und eine vom Fußball gelernte Poetik („sich nicht mit dem Erstbesten zu begnügen, was zur Hand ist, sondern das Beste zu erschaffen, einen neuen Raum“), es gibt Antworten auf nie gestellte Fragen (Warum trinken Freizeitfußballer so viel und gerne Bier?) und schafft es in einem Absatz von einem englischen Fan-Bier-Rülpser zu den Werten Europas. Kurzum: In diesen 185 Seiten ist mehr drin als in manchem WM-Finale mit Verlängerung. Eleganz, Treffsicherheit und vor allem Witz, was aber nicht heißt, dass Esterházy den Fußball und seine Begeisterung dafür nicht ernst nähme: „Wenn wir nämlich vom Spielfeld abgehen, wissen wir, wozu wir auf Erden sind, wozu der Herr die Welt erschaffen hat. Oder einfach, was an dem Ganzen gut ist.“ Das Beste am Fußballbuchjahrgang 2005/2006 ist in jedem Fall Péter Esterházy.

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