Platz 6 Fußballbuch 2013
Literatur Fußballbuch

Der zwölfte Mann ist eine Frau

Mein unerhörtes Leben als Fußball-Fan (2013)
Platz 6 Fußballbuch des Jahres 2013
Berlin Verlag
14,99 Euro

Rezension: Der zwölfte Mann ist eine Frau

Michael Wulzinger

Am Anfang sind zwei Ohrfeigen. Ihr neun Jahre älterer Bruder verpasst sie ihr, beide vor dem Fernseher. Die erste im Oktober 1982, weil sie, damals fünf, beim Länderspiel England gegen Deutschland die in grün spielenden deutschen Nationalspieler für Spieler von Werder Bremen hält. Die zweite im Februar 1984, weil sie beim Bundesligaspiel des SV Werder gegen den 1. FC Nürnberg über ein Foul des Bremers Rigobert Gruber lacht, das zu einer roten Karte führt. Werder verliert in Unterzahl, ihr großer Bruder holt aus, doch sie verzeiht ihm auch diese Watschen, wohl weil ihr – schlagartig – klar wird: Er ist ein Fan. Werder-Fan. Und Fans können, nein, sie dürfen auch mal den Verstand verlieren, wenn es mit ihrer Mannschaft den Bach runtergeht. Von da an steht für sie fest, dass auch sie eintauchen will in diese geheimnisvoll-irrationale Parallelwelt, in der ihr Bruder schon zu Hause ist. So krachend geht es los, ihr „unerhörtes Leben als Fußball-Fan“, das die Autorin Wiebke Porombka in ihrem Buch „Der zwölfte Mann ist eine Frau“ beschreibt. Und so zündend geht es weiter in diesem Bekenntnistext, in dem Porombka seziert, wie sie dem Spiel verfällt – und den Farben grün und weiß, den Farben Werder Bremens.

Man könnte die Frage aufwerfen, ob man nach Nick Hornbys 1992 erschienenem Bestseller „Fever Pitch“ überhaupt noch ein Buch verfassen sollte, in dem die entflammende, kochende, erkaltende, immer wieder aufwallende, selten erfüllte, häufig enttäuschte, auf alle Fälle aber niemals endende Liebe zum Fußballverein des Herzens zentrales Thema ist. Denn „Fever Pitch“ ist in der Fanliteratur das unübertroffene, unübertreffbare Maß aller Dinge. Porombkas Selbstbildnis als Fußballjunkie liefert Gegenargumente. Es ist originell, gedankenreich, meinungsstark. Und es ist – was es in seinen besten Passagen zum Schwingen bringt und unbedingt lesenswert macht – erfrischend parteiisch und politisch wohltuend unkorrekt.

Ihr Buhmann Klaus Augenthaler etwa, für die Autorin „die Inkarnation des Bösen“, weil der Münchner Libero anno ’85 Rudi Völler ins Krankenhaus getreten – und Werder damit wohl die Meisterschaft entrissen – hatte, überschüttet Porombka stellvertretend für alles, was nach FC Bayern riecht, zunächst mit Verwünschungen, auf die selbst Willi Lemke damals ohne Souffleur nicht gekommen wäre. Dann die überraschende Wendung: ein Anflug plötzlicher Sympathie. Augenthaler soll Jahre später in einem Interview gesagt haben, er dürfe im Urlaub nicht einmal mehr mit seiner Familie Fußball spielen, weil er wiederholt seine Frau umgegrätscht habe und diese sich nun weigere, mit ihm zu kicken. Eine Vorstellung, die Porombka „auf geradezu irrwitzige, schluckaufmachende Weise komisch“ findet – und deshalb versöhnlich. Doch die Milde, so stellt sich bei der Suche nach dem Belegzitat heraus, entspringt nur einer Sinnestäuschung: „Habe ich dieses Augenthaler-Interview nur geträumt? Ich kann, heute, nichts mehr dazu finden.“

Und so hackt sie weiter lustvoll auf allem herum, was sie als „,Oans, zwoa, gsuffa‘-Seligkeit“ identifiziert. Unverzeihlich nur, dass Porombka im Mai 2004, als Werder Bremen ausgerechnet im Münchener Olympiastadion die Meisterschaft gewinnt, für einen „kleinen, herrischen Theatermenschen“ arbeitet, der just an jenem 32. Spieltag eine Probe angesetzt hat. Vielleicht aus Angst, der Bühnen-Diktator könne empört sein, dass sie erwäge, „das heilige Theater für den profanen Fußball im Stich zu lassen“, vielleicht aus Angst um ihren Job, verzichtet Porombka schweren Herzens auf die Reise nach München – und verflucht sich, als sie sich bei der stillen Hoffnung ertappt, Werder dürfe dieses Spiel nicht gewinnen, um die Meisterschaft dafür beim nächsten Heimspiel, zu dem sie sicher gehen würde, klarzumachen. „Das ist wirklich schlimmer als Walfang. Das ist niederträchtig“, geißelt sie sich. „Vor lauter Scham“, so ernst ist das Leben als Fußball-Fan dann doch, hat sie das 3:1 von Werder auch als Aufzeichnung später nie gesehen.

Auch Frauenfußball schaut sie sich nicht an, aus Überzeugung allerdings. Denn Frauenfußball, gesteht die Autorin, „interessiert mich nicht. Was soll ich tun?“ Im Kapitel „I couldn‘t care less oder: Wie ich einmal auszog, den Frauenfußball lieben zu lernen“  beschreibt Porombka die Chance, die sie ihren Geschlechtsgenossinnen am Ball gibt: Turbine Potsdam gegen Bayern München, Pokalhalbfinale, 2500 Zuschauer in Babelsberg. Das Experiment, man ahnt‘s, geht schief. Porombkas Problem sind nicht die Spielerinnen, obwohl: „Ziemlich viele leichte Fehler. Viele Angriffe, die im Nichts verpufften.“ Ihr Problem ist die Tribüne: kein Roar, kein Sog, keine Magie. Oder wie Porombka den Philosophen Theodor W. Adorno zitiert: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

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