Platz 8 Fußballbuch 2010
Fußballbuch Literatur

Der Wahnsinn liegt auf dem Platz

(2010)
Platz 8 Fußballbuch des Jahres 2010
Kiepenheuer & Witsch
16,95 Euro

Rezension zu: Der Wahnsinn liegt auf dem Platz

Bernd Gäbler

Diese zwei Worte könnten eingehen in die Geschichte der schönsten Buchanfänge: „Der Zettel“. Natürlich. Endlich erfahren wir, dass Jens Lehmann einmal sogar in die andere Ecke sprang als der Zettel empfahl – und den Ball dennoch hielt. Den szenischen Einstieg liebt der Autor – Kapitel für Kapitel. Selbstverständlich ist Jens Lehmann der kompletteste Torwart aller Zeiten, aber nun will er seine ewigen Rivalen Toni Schumacher, für den „Stil ein Fremdwort bleiben“ werde, und Oliver Kahn,  der bis heute nicht begriffen habe, „was die Qualität eines Torwarts ausmacht“, auch als komplettester Fußball-Autobiograph energisch übertreffen. Dies ist seine Obsession.

Und es gelingt. Vermutlich aus zwei Gründen: Trotz aller hübschen und weniger hübschen Sticheleien und Tritte vor gegnerische wie befreundete Schienbeine steht doch das Spiel selbst im Zentrum – und davon versteht Jens Lehmann etwas. Die Viererkette erläutert er wie ein Philosoph des „Systemfußballs“ und schildert anschaulich die taktischen Kontroversen im Team nach dem ersten Spiel der Fußball-WM 2006. Selbstverständlich ist die Bundesliga an allen Rückständigkeiten schuld und Torsten Frings, der stets den Stürmern, die sich zurückfallen lassen, zu weit folgt, wird nie in der Lage sein, die Viererkette zu verstehen. Manche gucken eben nur auf den Ball oder den Gegner, statt die eigenen Reihen zu koordinieren.  

Der zweite Grund für die Güte dieses Buches ist – ob gewollt oder unfreiwillig: Wir erfahren unglaublich viel darüber, wie der unerbittliche Konkurrenzkampf, der Druck und die Fokussierung, unbändiger Siegeswille, Disziplin, Zorn und Selbstbewusstsein diesen Sportler und Athleten Jens Lehmann geprägt haben, der sich selbst gleichzeitig am liebsten als bescheiden und demütig charakterisiert.

Einer, der etwas zu sagen hat, ist hier auf einen getroffen, der schreiben kann – entstanden ist ein Buch über Fußball, das gerade deswegen so gut ist, weil es so viel mehr offenbart als da in Buchstaben und Sätzen geschrieben steht: Der beredte Jens Lehmann entblößt sich.

Nur der Erfolg, das Ergebnis zählt. Das wichtigste ist: keine Schwäche zeigen! Eine Mannschaft ist wie ein Wolfsrudel. So ist nun einmal der Fußball. So ist aber vor allem Jens Lehmann.

Es gibt viele Geschichten: Nur einmal während seiner gesamten Karriere kam eine Frau in die Kabine – es war Angela Merkel. Der entscheidende Tipp an den DFB, Jogi Löw zum Bundestrainer zu machen, kam natürlich von Lehmann. Aleksandar Ristic verstand von Psychologie „so viel wie ein Brunnenfrosch vom Ozean“; Roman Weidenfeller wird als „echte Nervensäge“, ja als „Pflegefall“ eingeführt; Huub Stevens „kämmt sich mit dem Zirkel“; „der Konjunktiv ist der Feind der Verlierer“ – sprachlich ist das Werk eine flotte Mischung aus Fußballerjargon und amüsanten Metaphern.

Ein Mini-Skandal ist auch schon zu vermelden: Die angeblich lustig gemeinte Sequenz, dass Mario Gomez gegen Bayern München nicht mehr treffen mochte, weil der Wechsel schon feststand, wird für die nächste Auflage gestrichen. Dass Jens Lehmann Arsène Wenger für den größten Offensiv-Strategen hält, überrascht nicht, aber schon, dass er alle erlebten Trainerwechsel in der Regel auch heute noch für berechtigt hält.

Einen Nachruhm als quasi-präsidialer Beherrscher des Strafraums strebt Jens Lehmann wohl nicht an. Nein, auch mit diesem Buch stürzt er sich – ohne Schrecken und gelegentlich sogar kopflos - mitten hinein ins Getümmel.     

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