Platz 8 Fußballbuch 2012
Literatur Fußballbuch

Der Traumkicker

Roman. Übers. von Becker, Svenja (2012)
Platz 8 Fußballbuch des Jahres 2012
Insel Verlag
17,95 Euro

Rezension: Der Traumkicker

Stefan Erhardt

Ein kleines Dorf am Ende der Welt. Am Rande des Lebens, am Ende des Lebens. In der Ödnis der chilenischen Atacama-Wüste, eine Siedlung, die vom Salpeter lebt, Coya Sur. Ihre Bewohner im ewiggleichen Rhythmus des einfachen Daseins, der üblichen Jahresfestivitäten – und dem ewigen Kräftemessen mit der Fußballmannschaft des Erzrivalen, der Mannschaft aus dem Nachbarort.

Eines Tages – und hier setzt der Ich-Erzähler ein – passiert etwas Merkwürdiges; genauer: passieren zwei merkwürdige Gestalten den Ortsrand, ein bulliger Mann Mitte vierzig, eine junge rothaarige Frau. Wenig später ist das gesamte Dorf in völliger Verzückung: der Mann präsentiert Kunststücke mit einem Fußball, wie sie keiner jemals zuvor gesehen hat. „El fantasista“, wie er im spanischen Original heißt, beflügelt die Vorstellungskraft der Ewig-Zweiten derart, dass sie nichts unversucht lassen, den vermeintlichen „Traumkicker“ zum Match gegen den Erzrivalen in ihrer Mannschaft an- und auftreten zu lassen. Wie sich herausstellt, wird es zudem das letzte Match sein – die Siedlung wird aufgelassen, die Leitung der Salpetermine hat es so beschlossen.

Dumm nur, dass der Balljongleur mit dem richtigen Fußballspielen so gar nichts am Hut hat: ein körperliches, nun ja, Gebrechen hat es ihm schon seit seiner Kindheit unmöglich gemacht. Dennoch wollen die Bewohner von Coya Sur zumindest sein Talent für sich nutzen – und bauen um ihn herum ihr Dorf zu einem potemkinschen um, den Gegner aus dem Nachbarort María Elena zu verwirren und das Überraschungsmoment für sich zu nutzen. Um ihren Traum wahr zu machen: im letzten Kick ihres Ortes gegen die verhassten Rivalen als Sieger vom Platz zu gehen.

Der Roman ist gefällig schnörkellos – eine geradlinige Erzählung der Ereignisse, von der Ankunft des seltsamen Paares bis zum furiosen Schluss, dabei aber raffiniert ge- und unterbrochen von einer markanten, beschwörenden und betörenden Stimme, der des Cachimoco Farfán, der den phantastischen Radiokommentatoren gibt, auch wenn ihm das Radio dazu fehlt; ein Student der Medizin, der Gerüchten zufolge sein Studium abbrach und wieder in sein Heimatdorf zurückkehrte, um irgendwo zwischen Wahnsinn und Provokation anstatt Rezepte sein Leben dem Fußball zu verschreiben. Dieser erzählerische Kniff gibt dem Roman die kräftige Würze, die dem an sich schon heiteren, schelmisch daherkommenden Erzählton zu einem feurigen Lesevergnügen werden lässt. Dabei ist „Der Traumkicker“ keineswegs allein eine nette Erzählung aus einem uns sehr fernen Land. Das Buch beinhaltet zwei Ebenen – die Phantasie wie das Phantastische, Träume in Form von Illusionen wie von Sehnsüchten, verkörpert, gespielt und gespiegelt von fast schon archetypischen Charakteren.

Man nehme das Motiv der Rivalität – ureigene Komponente des Fußballspiels, sofern es nicht zum Selbstzweck betrieben wird, sondern als Konkurrenz. Die Rivalität zwischen den beiden Siedlungen, zwischen den Staubfressern und den Aasfressern, wie sie sich gegenseitig nicht gerade schmeichelhaft betiteln, ist denn auch eine stellvertretende – für alle Wettbewerbe, die ausgetragen werden zwischen Dörfern, Orten, Städten, Stadtteilen, Regionen oder Landstrichen, egal, in welche Art von „Derby“ sie rhetorisch gekleidet sind. Bei allem Wüstenstaub, den das Buch atmet (und das ist als Kompliment gemeint), strömt dem Leser aus den Charakteren und ihrem kleinen Leben eine herzensgute Wärme entgegen, der sich keiner entziehen kann: ein Fußballroman von hoher erzählerischer Güte.

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