Platz 1 Fußballbuch 2011
Literatur Fußballbuch Fußballbuch des Jahres Geschichte

Der FC Bayern und seine Juden

Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur (2010)
Platz 1 Fußballbuch des Jahres 2011

Rezension: Der FC Bayern und seine Juden

Jürgen Kaube

Wer aus der deutschen Nachkriegszeit auf die Anfänge des Fußballs schließen würde, müßte ihn für eine ziemlich nationale, ziemlich proletarische und ziemlich konservativ, um nicht zu sagen: reaktionär geführte Sportart halten. Und wer heute den erfolgreichsten deutschen Fußballverein, den FC Bayern München, beschreibt, der verweist gern auf die Mentalität des „Mir san mir“ sowie auf jenes angebliche Kernbayern, das CSU, Oktoberfest und die Allianz AG verbindet.

Von Dietrich Schulze-Marmeling, einem der kenntnisreichsten deutschen Fußballhistoriker überhaupt, kann man sich daran erinnern lassen, dass alles ganz anders war. Der Fußball begann internationalistisch, bürgerlich-akademisch, liberal. Und der FC Bayern war ein Club, bei dem diese Einstellungen besonders ausgeprägt waren. Als der DFB im Jahr 1900 gegründet wurde, fehlten bajuwarische Vertreter ganz. Der wichtigste Klub lehnt als Turnverein den Beitritt zum Fußballverband ab. Deutsche Turner machten sich nicht mit Anglophilen gemein. Wir haben es immer geahnt: Fußball ist nicht Turnen.

Eine kleine Gruppe setzte sich damals als „FC Bayern München“ ab, ihre Mitglieder kamen aus Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Bremen, sogar ein Dortmunder gehörte zu den Gründern. Spiritus rector ist ein jüdischer Freiburger Arzt, der erste Mäzen ein Ofenfabrikant, die Heimat des Vereins die Maxvorstadt, das Quartier der Akademiker und Studenten. Unter den Gründungsmitgliedern waren Kaufleute, Künstler, Bankbeamte. Auf den ersten Präsidenten, einen preußischen Fotografen, folgte ein holländischer Chemiker, der über Portweine promoviert wurde. Von wegen Weißbier.

Apropos Getränke: Der FC Bayern war ein „Kaffeehausverein“, der vor allem internationale Spiele schätzte, früh den Profifußball pflegte und unter seinen aktivsten Mitgliedern prominente Juden hatte. Ihren ersten deutschen Meistertitel fuhren die Bayern 1932 unter dem jüdischen Vereinspräsidenten Kurt Landauer ein, trainiert durch den Juden Richard Dombi, einen Pionier des modernen Spiels, der nach der Emigration Feyenoord Rotterdam groß machte. Schulze-Marmeling, dem wir auch die beste Vereinsgeschichte der Bayern verdanken, erzählt die Schicksale dieser Mitglieder, die Geschichte der jüdischen Fußball-Innovatoren und in eins damit die Geschichte des Antisemitismus in München. Er tut es mit großem Gespür dafür, dass Fußball als Mannschaftsspiel mit Körperkontakt, Intelligenz- und Organisationsbedarf eine hohe Attraktivität für urbane Weltbürger besaß, die spielerische Leistungsvergleiche schätzten. Er zeigt, wie im Fußball, oft vergebens, um die Normalität einer sachlichen Kultur gekämpft wurde. Er tut es detailreich und ruft zahllose Biographien in Erinnerung, die der Nationalsozialismus zerstört oder doch jedenfalls gebrochen hat. Er zeigt, welche Rolle Juden überhaupt bis kurz vor der Katastrophe in dem spielten, was an Deutschland eine Zivilisation war. Vor allem die Debatte um den Profifußball erscheint als Zentrum seiner Geschichte.

Schließlich schreibt Schulze-Marmeling auch die Historie der Niedertracht, die mit der politischen Zäsur von 1933 auch im Fußball die Oberhand gewann, um sie – trotz der Rückkehr Kurt Landauers als Vereinspräsident – bis in die sechziger Jahre hinein zu behalten. Man ballt während der Lektüre mehr als einmal die Faust. Dass es dabei nicht bleibt, ist das Ergebnis eines späten Bekenntnisses des FC Bayern zu seiner Geschichte, die ihn lange peinlich berührte. Zu diesem Bekenntnis haben Fangruppen beigetragen, das Vereinsmanagement, vor allem aber Historiker wie Schulze-Marmeling selber. Die Wahrheit kann auch dem Fußball nicht schaden. Nicht zuletzt dieser Leistung wegen verdient „Der FC Bayern und seine Juden“ als beispielhafte Fußballgeschichte einen Preis.

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