Platz 7 Fußballbuch 2009
Literatur Fußballbuch

Das Lexikon der Fußballirrtümer

Über die Flügel zum Erfolg (2008)
Platz 7 Fußballbuch des Jahres 2009
C. Bertelsmann
16,00 Euro

Rezension zu: Lexikon der Fußballirrtümer

Bernd Gäbler

„Die Multistruktur der Leistung im Fußball steht der Annahme kausaler Beziehungen entgegen“, so formuliert der promovierte Sportwissenschaftler, Inhaber der A-Trainerlizenz und Erfinder der „ran“-Datenbank sein Anliegen. Er hat das Spiel gezählt und gespeichert, vermessen und ausgewertet wie kein anderer: Die 60.000 analysierten Ballkontakte, 14.700 Dribblings von weniger als 20 Metern, 30.000 Torschüsse und 3.000 Ecken sind davon nur ein Ausschnitt. Er weiß, dass in der Premiere League-Saison 2006/2007 lediglich 64 (!) von etwa 3.800 Angriffen, also nicht mehr als 1,68 Prozent (!) zum Torerfolg führten (S. 46) und dass lediglich ein Drittel (!)   aller Fußballspiele von jener Mannschaft gewonnen wird, die häufiger in Ballbesitz ist (S. 81). Roland Loy ist der Sisyphos der Fußball-Empirie. Haben wir ihn uns gleichwohl als einen glücklichen Menschen vorzustellen?

Ein Erbsenzähler will er jedenfalls nicht sein und auch kein Besserwisser – das lässt er uns sofort wissen. Vor allem aber will er uns erst einmal zeigen, dass wir nichts wissen bzw., dass unsere vermeintlichen Gewissheiten allenfalls nicht belegte Vermutungen sind bzw. dass tradierte Fußball-Weisheiten „reinste Irrtümer“ sind, wie er in fröhlicher Verzweifelung gerne schreibt. Sein „Lexikon der Fußballirrtümer“ ist deswegen zwar von Humor durchsetzt, aber nicht eins der flott hingeklecksten impressionistischen Gute-Laune-Bücher dieser Gattung. Nein, Loy meint es ernst. Langer Abschlag oder kurzer Abwurf; schnelle Spieleröffnung oder sichere; Zweikämpfe suchen oder vermeiden; Forechecking oder Zurückfallenlassen; sichere Ballannahme kontra schnelles Direktspiel; durch die Mitte oder über die Flügel angreifen – was jeweils sinnvoller ist, ist laut Loy völlig unklar, weil empirisch nicht bewiesen. Wir wissen nichts, obwohl wir doch so viel wissen. Jedenfalls haben wir keine empirisch abgesicherte Kenntnis darüber, was denn nun im Fußball zum Erfolg führt. Nur 29 Prozent der Tore, so belehrt uns Loy, fallen nach Standardsituationen; das risikoreichste Passspiel ist der Doppelpass; nur 1,5 Prozent aller Vorstöße über die Außenpositionen führen zum Tor; aber leider auch exakt genau so viele Vorstöße durch die Mitte. Sind also Fernschüsse sinnvoller?  Ist die Entfernung zum Tor größer als 27 Meter, braucht es schon 70 Schüsse für ein Tor. Nicht 2:1, sondern 1:1 lautet das häufigste Ergebnis. Pro Spiel gibt es 120 Zweikämpfe, nur 50 Prozent der Dribblings werden gewonnen und hundertmal wechselt der Ballbesitz. Viele Daten verblüffen, entfalten einen eigenen Reiz, ja ein Eigenleben. 

Mit ihnen im Gepäck macht sich der Autor dann über das her, was wir bisher vom Fußball zu wissen glaubten. Wer die meisten Zweikämpfe gewinnt, gewinnt das Spiel; eine siegreiche Mannschaft muss über die Flügel spielen; zum Flanken muss man bis zur Grundlinie durchgehen; Libero und Spielmacher sind out; Never change a winning team; die zweite Saison ist immer die schwerste und so weiter und so fort – alles Kokolores. Erst auf Seite 110 gewährt uns der Autor ein erstes leises Gefühl der Erleichterung. Tatsächlich gilt: Wer mehr Großchancen erspielt, ist in der Regel auch erfolgreicher. Ansonsten kann als gesichert allenfalls gelten: Fußball ist kein Spiel der Häufigkeiten und Fußball ist kein einfaches Spiel.

Oder anders gesagt: Ob kleines Einmaleins oder versierte Integralrechnug – Fußball ist einfach nicht Mathematik. Das Buch lebt davon, wie ein stolzer Positivist immer wieder sein Handwerkszeug in Stellung bringt und dann doch glücklich resigniert erkennt, dass er dem Ganzen nie gerecht wird. Erfolg ist nicht planbar, aber dennoch wünscht der Autor mehr Wissenschaft im Training und größere Zurückhaltung von Kommentatoren und öffentlichen Fußball-Erklärern. Er plädiert und beschwört, wünscht und will „der weiteren Verbreitung von Fußballirrtümern konsequent entgegentreten.“ (S. 277)  Was aber viel schöner ist: Seine Resignation schlägt um in beseelte Demut vor dem am Ende unfasslichen Mythos dieses großen athletischen Spiels, in dem menschliche Höchstleistung sich so majestätisch und dramatisch mit dem Zufall mischen kann. 

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