Platz 8 Fußballbuch 2012
Literatur Fußballbuch

Beckenbauer taucht nicht auf

(2012)
Platz 8 Fußballbuch des Jahres 2012
P. Kirchheim
19,95 Euro

Rezension: Beckenbauer taucht nicht auf

Birgit Schönau

Dieser Plot verspricht nichts Gutes: Vom blauen Planeten Koho landet das Alien Anatol Hinueber in München, um die Lichtgestalt Franz B. als perfektes Mitbringsel für die ahnungslosen Zukunfts-Fußballer von Koho ins All zu entführen. Ein Namenswitz als Marsmännchen, der München und seinen Fußballkaiser bestaunt – besonders originell ist das nicht, und weil die Phantasie so abgedroschen ist, wirkt sie außerdem ziemlich albern. Denkt man, bevor man mit hochgezogener Augenbraue anfängt zu lesen. Und gar nicht aufhören kann. Denn Armin Kratzert fesselt seine Leser mit der komischen Kindersprache des Alien Hinueber, mit dessen naiven Entdeckergeist und der Fähigkeit, von einer absurden Situation in die nächste zu purzeln. Ehe man sich versieht, ist man Kratzerts blödsinniger Idee schon auf den Leim gegangen. Und amüsiert sich blendend.

Es ist nämlich so, dass hinter der Verfolgungsjagd des Alien auf den Überirdischen Beckenbauer sich eine ganz zauberhaft leichte und ironische, geradezu perlende München-Hommage entspinnt, verbunden mit sehr grundsätzlichen Betrachtungen über jenes Spiel, das uns heute alle umtreibt und die Historiker der Zukunft den Kopf über uns schütteln lassen wird: Fußball. Hastdunichtgesehen werden da die Erdenbewohner zu Aliens, wenn Hinueber zu Fuß mit 60 Sachen in die Säbener Straße stürmt und mit dem Blick des Anthropologen beschreibt, was er da zu sehen bekommt. Er wundert sich sehr über die trainierenden Bayern-Spieler, „sie drehen sich, sie wedeln mit den Armen, keiner lacht dabei, sie haben alle sehr feste Waden und lustige Bärte, schließlich bücken sie sich, schnaufen fest, pusten Luft in den Boden, tänzeln wieder hoch, springen auf der Stelle, spurten, rennen, hüpfen, kreiseln.“ Ja, genauso lustig sieht es wohl aus, und genauso absurd ist der heilige Ernst dabei.

Das Alien Hinueber versucht sich auch selbst als Fußballer, beim ersten Mal knallt er mit seinen überirdischen Kräften den Ball noch ins All. Er trifft auf seinem Weg zur Lichtgestalt den Hausmeister Friedrich Beckenbauer und den Bayern-Profi Luigi, der ziemlich offensichtlich der Klon eines Ohren schraubenden, italienischen Ex-Spielers ist. Das ist alles sehr witzig, ein komischer Höhepunkt der Erzählung aber ist das Treffen von Alien und Kaiser in einem Friseursalon am Odeonsplatz. Hinueber ist ein wenig enttäuscht, denn dessen Haarbewuchs ist so spärlich, „dass ich leider auch auf keine allzu große Ausbeute an frischem, eindeutig zuzuordnenden genetischen Material hoffen kann, ein bisschen dünner weißer Flaum, das ist alles, was bisher auf den Boden gerieselt ist.“

Schafft es Anatol Hinueber noch, seine Mission zu erfüllen? Wird er Beckenbauer mit dem Angebot locken können, als Trainer nach Koho zu kommen und dort mit Spielern zu arbeiten, die vollkommen ahnungslos sind, aber über Wahnsinnskräfte verfügen? Könnte Beckenbauer eine interstellare Liga reizen, die 1,2 Millionen Tabellenplätze hat und deren Champion das Recht erwirkt, sich einen Planeten seiner Wahl untertan zu machen? Das soll an dieser Stelle natürlich nicht beantwortet werden. Denn wie Kratzert seinen Roman enden lässt, auch das ist abgründig-komisch und genial absurd. Ein kleines, großes Buch ist Armin Kratzert da gelungen – geistreiche und vollkommen unpathetische Fußballliteratur im allerbesten Sinne.

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