Platz 2 Fußballbuch 2012
Literatur Fußballbuch

Also sprach Metzelder zu Mertesacker ...

Lauter Liebeserklärungen an den Fußball (2012)
Platz 2 Fußballbuch des Jahres 2012
Kiepenheuer & Witsch
7,99 Euro

Rezension: Also sprach Metzelder zu Mertesacker

Bernd Gäbler

Schon der Titel fällt auf: „Also sprach Metzelder zu Mertesacker ...“. In seinem Inneren bietet das handliche grüne Büchlein dann eine Fülle von stilistisch sehr unterschiedlichen Texten. Da protokolliert  der Autor als Poolwärter im Schlosshotel Grunewald, wo die Nationalmannschaft zur WM 2006 Quartier nahm, seine kuriosen Erlebnisse. Diese „Pool-Novellen“ hat Moritz Rinke, der Dramatiker, einst für den „Tagesspiegel“ angefertigt. In einer anderen Episode weiß er genau, wie Otto und Beate Rehhagel am Frühstückstisch miteinander reden, wenn gerade ein Bundestrainer gesucht wird. Ebenso exakt nachzulesen ist, wie Jürgen Klinsmann und Jogi Löw den treuguten Sepp Maier als Bundestor-warttrainer aussortierten.

Wir können Angela Merkels glühende Briefchen studieren, die sie schwärmerisch an Bastian Schweinsteiger schreibt, in den sie sich – nun ja – ein wenig verguckt hat. Es ist das Jahr 2010 und um die Kanzlerin herum ist es einsam geworden. „Alle sind weg, es gibt nur noch Leute wie Mappus und Kauder,“ klagt sie, und nutzt auch gleich noch die Gelegenheit, Mesut Özil weitsichtig vor Anna-Maria Lagerblom zu warnen. Da merkt man, der Autor Moritz Rinke, gefürchteter Torjäger der Autoren-Nationalmannschaft, ist auch ein intimer Kenner von Werder Bremen. Die Empfehlung des Trainers Thomas Schaaf: „Wenn Rinke so spielt, wie er schreibt, würde ich ihn beim nächsten Spiel einwechseln“, steht im Klappentext.

Natürlich handeln manche Texte auch vom  kindlichen, gelegentlich etwas verschämt ironisierten Stolz des Fußballers Moritz Rinke. Einmal darf er sogar in direkter Nachfolge von Franz Beckenbauer die „DFB-Ehrentoilette“ benutzen. „Es duftete.“ Es gibt überraschende Kombinationen wie den bereits in der ZEIT abgedruckten Dialog mit Philipp Lahm („Die allermeisten Menschen, die über Fußball reden, haben keine Ahnung“) und steile Dribblings mitten hinein ins Terrain des Absurden: Da flattert plötzlich die Bettdecke von Jens Lehmann, der DFB-Pokal persönlich spricht zum Autor oder dieser imaginiert eine Trapattoni-analoge „Wutrede“ des Laptop-versessenen Jogi Löw: „Wollt Ihr etwa Wörns?“

Was hält diese Kleinformen und Miszellen, Beobachtungen und Beichten, Dialoge und Protokolle eigentlich zusammen? Es sind m.E. zwei Perspektiven, die alle Texte  durchziehen. Immer ist da ein schier unglaublicher Respekt vor den Leistungen der Großen des Weltfußballs spürbar, der aber nie abgleitet in Pathos oder gar Kitsch. Und es ist die spielerische Leichtigkeit der Sprache, die das gesamte Büchlein zum Lese-Vergnügen macht. Wie Spielgefährten stehen das kindliche Staunen und die ironische Volte beieinander.

Obwohl diese Liebeserklärungen wie eine einzige, unendliche Umarmung des Fußballs wirken, wird dieser nicht erdrückt. Es gibt keine Leidenschaft mit geschwollener Stirnader und keine alternativlose Unbedingtheit der Hingabe. Das Buch ist schön geschrieben, weil es um die Schönheit des Spiels geht. Es ist der feine, fankulturelle Gegenpol zu Ballermann, Grölerei und „Waldis Club“. Ja, schön und gut. Aber was sprach denn nun Metzelder zu Mertesacker? Lösen wir das Titelrätsel auf: Es ist der letzte Tag vor der Abreise zum EM-Finale 2008 nach Wien. Mertesacker: Was liest du gerade?

Metzelder: Aristoteles.

Mertesacker: Hochinteressant.

Metzelder: Ja.

Mertesacker: Ich lese die Weisheiten des Laotse.

Metzelder: Ah. Gut.

Mertesacker: Ich glaube, wir sind die intelligentesten Menschen weit und breit.

Metzelder: Ich stimme zu… Scheiße ist nur, dass wir Sonntag die Innenverteidigung gegen Spanien bilden müssen.“

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