“Zur Sachlichkeit zurückkehren“

22. November 2011: Der schwer verletzte Nürnberger “Hooligan“ und das Medienecho

Letzten Samstag fiel der 19jährige André K. im Kölner Hauptbahnhof während einer Auseinandersetzung zwischen Nürnberger und Mainzer Fans vor einen einfahrenden Zug und wurde überrollt. Der junge Club-Fan verletzte sich schwer und verlor trotz einer Notoperation einen Arm, ist nach Angaben der Polizei wenigstens außer Lebensgefahr. Ob er vor den Zug gestoßen wurde oder ob es ein unglücklicher Unfall war, ermittelt zur Zeit die Kölner Staatsanwaltschaft.

Der tragische Fall rief ein bundesweites Medienecho hervor, in fast allen Texten wurde das Opfer als gewaltbereiter Hooligan bezeichnet:

- Hooligan verliert Arm (spiegel.de)
-  polizeibekannter Nürnberger Fußball-Hooligan (focus.de)
- Schlägerei unter Fußball-Hooligans im Kölner Hauptbahnhof (faz.net)
- Nürnberger Fußball-Hooligan (sueddeutsche.de)
- Während einer heftigen Auseinandersetzung zwischen gewalttätigen Fußballfans in Köln wurde ein Schläger vor einen Zug gestoßen. (welt.de)
- Sowohl das Opfer als auch der flüchtige Täter seien als Hooligans bekannt. Der 19-Jährige, dem ein Arm abgetrennt worden sei, sei selbst als sogenannter 'Gewalttäter Sport' bekannt und zur Personenkontrolle ausgeschrieben. (bz-berlin.de)

Die Nürnberger Ultra-Gruppierung  Banda di Amici, deren Mitglied André ist, erklärt dazu: “Unser Gruppenmitglied André war weder einer der körperliche Gewalt gesucht hat, noch war er in irgendeiner Weise vorbestraft. Sein viel zitierter 'Gewalttäter Sport' Eintrag stammt von den Vorfällen beim Derby Heimspiel im Februar 2010, wo er einen Freispruch erster Klasse erhielt. Dass mittlerweile selbst der Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher dementiert hat, dass es sich bei dem Opfer um einen polizeibekannten Hooligan handelt interessiert nun wahrscheinlich auch keinen mehr. Die Schlagzeilen waren/sind alle gedruckt und ganz Deutschland kann sich am Bild des gewalttätigen Ultra-Hooligans ergötzen. Dass man hierbei ein ganzes Leben und jenes Leben seiner Familie zerstört spielt mittlerweile wohl einfach keine Rolle mehr. Hauptsache die Schlagzeile passt!“

Unterdessen hat die " Rot-Schwarze Hilfe", eine Rechtsschutzgemeinschaft der Club-Fans, mitgeteilt, dass sie über einen Anwalt die Deutsche Presse Agentur aufgefordert habe, ihre "Meldung zu widerrufen und eine strafbewehrte Unterlassungserklärung noch am heutigen Tage abzugeben."

Sie erklärt: “Es macht fassungslos, dass es offenbar wichtiger ist, spektakuläre Schlagzeilen zu produzieren, anstatt darüber nachzudenken, was damit dem 19jährigen, seiner Familie und seinen Freunden angetan wird. Er hat gerade seinen Arm verloren und ist fast gestorben, da muss man nicht noch zu Unrecht deutschlandweit diffamiert werden.

Der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, Martin Bader, fordert in einem  Interview eine Rückkehr zur Sachlichkeit: “Ich glaube, allen ist damit gedient, in der aktuellen Debatte zum Thema 'Gewalt im Fußball'  zu mehr Sachlichkeit zurück zu kehren. Pauschale Vorverurteilungen und Vorurteile helfen niemandem weiter. Nach unseren Informationen gehört André nicht der Hooligan-Szene an. (...) Der Fußball steht unter einer extremen öffentlichen Beobachtung. Deshalb appellieren wir an alle Parteien – Staat, Polizei, Medien, Verbände, Fans und Vereine – das Thema ’Gewalt im Fußball’, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, mit der nötigen Sachlichkeit zu führen und auf jegliche Form von polemischer Argumentation zu verzichten.“