Wieviel Deutschland steckt in Südafrika?

Akademie-Mitglied Ronny Blaschke erforscht zur Zeit des Confederations Cup die deutsche Beteiligung an Organisation, Stadien und Infrastruktur. Sein Artikel zeigt: Die Zusammenarbeit mit den oft unterschätzten Südafrikanern funktioniert sehr gut.

von Ronny Blaschke

 18. Juni 2009

Der Sportjournalist Ronny Blaschke berichtet derzeit für verschiedene deutsche Zeitungen vom Confederations Cup in Südafrika. In Johannesburg hat er den langjährigen Generalsekretär des DFB, Horst R. Schmidt, getroffen, der - wie viele weitere Deutsche - mit den Vorbereitungen auf die WM beschäftigt ist.

 

JOHANNESBURG. Sirenen heulen, Bremsen quietschen, pausenlos dringt der Lärm Johannesburgs in das Büro von Horst R. Schmidt, unter seinem Fenster liegt ein Treffpunkt von Taxen und Bussen. „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt der langjährige Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes. Schmidt war an der Organisation vieler Sportereignisse beteiligt, bei Olympia 1972 in München oder den Fußball-Weltmeisterschaften 1974 und 2006 in Deutschland. Er wird bald 68, er glaubte, dass seine Laufbahn nicht mehr viele Überraschungen bereit hält, doch nun ist er regelmäßig in Südafrika. Seit zweieinhalb Jahren, zuletzt acht Tage im Monat. Es ist sein wichtigstes Auswärtsspiel.

Der Confederations Cup in diesen Tagen und die WM in einem Jahr liegen auch in deutschen Händen, Architekten, Sicherheitskräfte oder Juristen reisen seit 2006 regelmäßig nach Südafrika. „Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem Gastgeber“, sagt Horst R. Schmidt. Er sieht sich nicht als Entwicklungshelfer, dieses Berufsbild wäre für ihn überheblich, er möchte sich nicht aufdrängen, es würde auch ohne die Deutschen gehen, glaubt er. Schmidt hat eine beratende Funktion. Eine andere Haltung würden die Südafrikaner auch nicht akzeptieren, viele denken noch immer mit Groll an die knappe Niederlage im Juli 2000, als Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 erhielt.

Schmidt hat sich auf den Informationstransfer konzentriert, tausende Seiten hat er dem Organisationskomitee in Johannesburg übergeben, Einsichten in Ticketvertrieb oder Kommunikation. Er hat den Kontakt zu Experten wie Helmut Spahn hergestellt, dem Sicherheitschef des DFB, der in Südafrika Vorträge vor Polizisten gehalten hat. Demnächst werden deutsche Fanbetreuer ihre Kenntnisse verbreiten, über Reiseverhalten europäischer Fangruppen. „Vorratsentscheidungen gibt es in Südafrika nicht“, sagt Schmidt. „Alles wird zeitnah beschlossen.“ Er hat sich Gelassenheit angeeignet, das gilt auch für die vielen Kollegen.

Zum Beispiel für das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner, das an den Stadionbauten in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth mitwirkt. Das Green-Point-Stadion, am Fuße des Tafelbergs gelegen, wird einer der zentralen Schauplätze der WM. Die Entwicklungsgesellschaft InWent schickte Experten aus Feuerwehr, Katastrophenschutz, Medizin ans Kap. Die Konrad-Adenauer-Stiftung leitete Initiativen gegen Umweltverschmutzung ein. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit war an der Planung des Schnellbussystems in Johannesburg beteiligt und fördert bis 2011 ein kulturelles Programm für 10000 Jugendliche in zehn afrikanischen Staaten.

Gebündelt werden die gemeinnützigen Projekte bei Dieter W. Haller, dem deutschen Botschafter in Pretoria. Insgesamt belaufen sich die Kosten von Bund und Kommunen bei mehr als zwanzig Millionen Euro. Dazu kommen private Investitionen. So unterstützt eine Bankengruppe den Bau von Bolzplätzen. Hilfswerke aus Bayern ermöglichen Schulpartnerschaften. Institutionen aus Nordrhein-Westfalen helfen bei der Ausbildung von Lehrern. Sportlich hilft Michael Nees. Der Trainer, seit Jahren in Afrika, gefördert durch Auswärtiges Amt und DFB, soll im südafrikanischen Verband Safa die Ausbildung koordinieren. Holger Osieck, während der WM 1990 Assistent des DFB-Trainers Franz Beckenbauer, gehört der technischen Fifa-Kommission an, in seinen Aufgabenbereich fällt die Spielbeobachtung des Confederations Cup.

Diese Liste ließe sich fortsetzen, in der Pressearbeit, bei den freiwilligen Helfern. Horst R. Schmidt ist überzeugt, dass die meisten Projekte nach der WM Bestand haben werden. „Für die Afrikaner war es verletzend, dass ihnen viele Europäer wenig zugetraut haben.“ In der kommenden Woche wird er für drei Tage nach Deutschland reisen, in Frankfurt hat sich viel Arbeit angestaut. Sollte der Confederations Cup ohne gravierende Probleme über die Bühne gehen, könnte Schmidt in den kommenden Monaten kürzer treten. Er hat seine Wohnung in Johannesburg aufgegeben und ist wieder ins Hotel gezogen, dort fällt der Strom nicht so oft aus. Beschweren will er sich darüber nicht.

 Ronny Blaschke

Ronny Blaschke lebt als Freier Sportjournalist in Berlin. Er schreibt u.a. regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Zeitung, die Financial Times Deutschland und Spiegel online.
Sein erstes Buch, "Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball", errang den Akademie-Preis Fußballbuch des Jahres 2007. 2008 erschien "Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban".
Ronny Blaschke ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Mehr: www.ronnyblaschke.de