Wie im Krieg? Über das komplizierte Verhältnis von Fußball, Sprache und Pazifismus

Im Fußball gibt es einen höchst eigenwilligen Jargon, der viele militaristische Phrasen verwendet. Von der Belagerung des gegnerischen Strafraums, überfallartigen Angriffen oder dem ,Bomber der Nation' ist oft genug die Rede. Der Sprachwissenschaftler Dr. Uwe Wiemann lauscht.

Akademie-Mitglied Dr. Uwe Wiemann belauscht die Kriegsmetaphorik im Fußball während der Reportage des Länderspieles Wales gegen Deutschland – und erkennt ein grundsätzliches Dilemma: zwischen Fußballleidenschaft, Vaterliebe und pazifistischen Neigungen.

Samstag, 08. September 2007, 20.30 Uhr. Wales gegen Deutschland, EM-Qualifikation. Meine Position für das beginnende Spiel: hängende Spitze im heimatlichen Ohrensessel. Meine geplante Taktik: intensives Pressing an der Chipstüte (nach Happel), kontrollierte Offensive an der Bierflasche (nach Rehhagel / Lattek), insgesamt mittelfristig Kraft sparen für kommende Auftritte und dabei gepflegt aussehen (nach Ribbeck). Der Verlauf: Nach wenigen Minuten versinke ich angesichts des behäbigen, unaufgeregten Spieles in eine kontemplative Stimmung und beginne, über den eigentümlichen Zusammenhang von Fußball und Sprache nachzudenken.

 

Mein erster Gedanke, als ich zwangsweise das Vorab-Geplapper des Fußballreporterdoubles Johannes B. Kerner sowie den Kommentar des Dienst habenden Kommentators Bela Rethy in Ohr und Geist habe fließen lassen: Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass sich ein solch eigenwilliger Fachjargon entwickelt hat? Böse Stimmen behaupten, Fußballberichterstattungen seien oftmals gespickt mit abgedroschenen Phrasen und schiefen sprachlichen Bildern, die das Grundvokabular des Fußballspiels präzisieren, emotionalisieren und mit Superlativen versehen sollen, um mehr Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus gibt es Kritiker, die Anstoß nehmen an einigen entlehnten Ausdrücken aus dem technischen, ökonomischen oder gar militärischen Bereich.

 

Imperiale Zeiten, deutsche ,Mal-Wächter'

Aber bleiben wir bei den Grundlagen: Ich krame in den entlegenen Regionen meines überflüssigen Wissens und entsinne mich, dass die Ursprünge des Regelwortschatzes unseres Fußball-Deutsch – also die Bezeichnungen für Gegenstände, Funktionen, Regeln usw. - im 19. Jahrhundert liegen. Um genauer zu sein, hatte ein Mann namens Konrad Koch entscheidenden Einfluss auf diese Entwicklung. Er hatte das Glück, als „Gründervater“ des Fußballs in die deutsche Sportgeschichte einzugehen, weil er 1874 das „englische Spiel“ an einer Braunschweiger Schule eingeführt und wenig später die ersten deutschen Fußballregeln veröffentlicht hatte. In einer Zeit, die geprägt war von Nationalstolz, Imperialismus und dem Kampf um die Vormachtstellung in Europa, schlug Koch vor, die englische Fachterminologie, der man sich angesichts fehlender Alternativen bediente, durch „deutsche Kunstausdrücke“ zu ersetzen. (Fairerweise muss man an dieser Stelle erwähnen, dass er das weniger aus chauvinistischen als vielmehr aus pädagogischen Gründen tat.) Dies geschah in Kooperation mit dem „Allgemeinen Deutschen Sprachverein“, dessen eindeutig nationalistisch motiviertes Ziel es war, Fremdwörter aus der deutschen Sprache zu tilgen. Man verständigte sich darauf, die bis dahin gängigen englischen Ausdrücke wie beispielsweise ‚goal-keeper’ zu eliminieren und durch deutsche Äquivalente zu ersetzen. Das führte zu Bezeichnungen wie ‚Mal-Wächter‘ – eine possierliche Variante, die sich leider nicht durchsetzen konnte und später durch den heute üblichen ‚Torhüter‘ bzw. ‚Torwart’ ersetzt wurde.

 

Balleroberung, Zweikampfverhalten, gewaltiger Schuss

Um die Verbreitung der Neologismen zu beschleunigen, übersetzte man die Regeln der Football Association ins Deutsche und verteilte kostenlose Regelbroschüren und ‚Verdeutschungstafeln‘ am Spielfeldrand. (Die mutwillige Verbreitung von Verdeutschungstafeln ist eine für die heutige Zeit äußerst amüsante Vorstellung. Man stelle sich vor, im Langnese-Block des ehemaligen Westfalenstadions würden Wassereisverpackungen mit Verdeutschungs-Vokabel-Sammelkärtchen verteilt, jeweils verziert mit den Konterfeis von Pokemon-artigen Nationalspielermutanten...) Neben dem in dieser Weise entstandenen, relativ eng begrenzten Regelvokabular entwickelte sich darüber hinaus noch ein sprachlicher Bereich, der vor allem durch den ausgeprägten Militarismus jener Zeit und auch durch die Grundorganisation des Spiels selbst stark beeinflusst wurde: Die Kriegsmetaphorik in der Fußballsprache.

 

In diesem Moment schlägt der weiterhin fernsehende Germanistenlappen meines Stammhirns Alarm, sticht mir doch just eine Diktion ins Ohr, die ich nach kurzer Überlegung als Entlehnung aus der Kriegsberichterstattung identifizieren kann. Bela Rethy spricht von Thomas Hitzlspergers „erfolgreicher Balleroberung“, seinem „intelligenten Zweikampfverhalten“ und seinem „gewaltigen Schuss“. Sogleich feiern vermeintlich verblasste Metaphern fröhliche Auferstehung und ziehen in einem paramilitärischen Reigen an meinem geistigen Auge vorbei. An der Spitze marschiert „The Hammer“ persönlich.
Miroslav Klose erzielt in der Zwischenzeit das 1:0.
Weitere bildhafte Ausdrücke aus dem Wortfeld „Kampf und Gewalt“ offenbaren mir endgültig die beängstigende Analogie von Fußballspiel und Kriegsgeschehen. Kein Zweifel: Ein Fußballspiel ist in seiner grundlegenden Struktur vergleichbar mit einer klassischen Feldschlacht. So stehen sich zwei gegnerische Mannschaften – von einem möglichst genialen Feldherrn geführt und unterstützt von den eigenen, Kampfparolen brüllenden Schlachtenbummlern – in taktisch vermeintlich sinnvollen Aufstellungen gegenüber, um sich gegenseitig zu bekämpfen und einander zu besiegen. Dabei sind belagerte Strafräume, Schüsse und Granaten oder auch Angreifer und Verteidiger üblich und erwünscht, ein Schützenfest gegen einen Erzfeind bietet besonderen Anlass zur Freude. Vorrangiges Ziel ist es, das Geschehen vom eigenen Terrain fernzuhalten und sich durch eine starke Defensive zu schützen, andererseits aber auch durch frühes Angreifen in aggressiver Weise das Heft in die Hand zu nehmen.

 

Wie schon Clausewitz empfiehlt

Um mir die Ähnlichkeit von Fußball- und Militärsprache noch klarer vor Augen zu führen, erlaube ich mir den Spaß, zu einem Buch mit dem eindeutigen Titel „Vom Kriege“ zu greifen, dessen Verfasser Carl von Clausewitz (1780-1831) an nahezu allen Kriegen gegen Napoleon teilgenommen, der vom Fußball aber vermutlich kein Ahnung hatte. Auf Basis seiner Kriegserfahrungen verfasste Clausewitz jenes militärtheoretische Standardwerk, dessen Inhaltsverzeichnis sich bereits liest wie eine Mischung aus den geheimen Aufzeichnungen Ewald Lienens während der Spielzeit 2004/2005 („Der Angriff in Beziehung auf die Verteidigung“; „Charakter der strategischen Verteidigung“; „Sammlung der Kräfte im Raum“; „Strategische Reserve“; „Flankenwirkung“ etc.) und den Schlagzeilen englischer Boulevard-Zeitungen im Rahmen der WM 1966 („Die Offensivschlacht“; „Die Kühnheit“, „Verteidigung von Morästen“ etc.). Darüber hinaus würde Clausewitz’ Diktum, dass Moral und Disziplin im Krieg eine besondere Rolle spielen, im Fußballkontext nicht nur bei Felix Magath auf wohlwollende Zustimmung stoßen. Und in Anlehnung an ein berühmtes Zitat Clausewitz’ könnte man aus der Sicht einiger kognitiv simpel strukturierter Pseudofans Länderspielpaarungen unter dem Motto „Fußball ist die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln“ durchführen. Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass Clausewitz, so er denn heute noch leben würde, ganz besondere Freude an dem Begriff „Schlachtenbummler“ hätte. Aber genug von Clausewitz, ich wende mich wieder der Gegenwart zu ...

 

Aus den Lautsprechern meines Fernsehers dringt die Stimme von Herrn Rethy, der uns darüber informiert, dass der walisische Trainer John Toshack der deutschen Mannschaft einen „heißen Kampf“ angekündigt und im Vorfeld – das Nationalstereotyp des Empires angemessen vertretend – intensiv an „Herz, Wille und Leidenschaft“ seiner Mannen appelliert hat.

 

Pander überfordert, linker Flügel überrannt

 Ich gehe davon aus, dass für die deutschen Spieler hingegen wahrscheinlich vorab die Maxime ausgegeben wurde, auf dem Platz des Gegners in einer offenen Feldschlacht den erwarteten überfallartig gestarteten Angriffen der Waliser mannhaft zu trotzen, am eigenen taktischen Kampfplan unbeirrt festzuhalten, die Herrschaft im Mittelfeld zu erobern, den Strafraum des Gegners zu belagern und damit dem Abwehrbollwerk den entscheidenden Stoß zu versetzen, hatte doch Jogi Löw seine Mannschaft nach dem Spiel gegen die Tschechische Republik noch mit dem Satz „Im Angriff sind die Spieler wie Giftpfeile in die gegnerische Abwehr gestoßen“ geadelt. Was auch immer Herr Löw damit gemeint haben mag, es klingt in meinen Ohren auf jeden Fall äußerst schmerzhaft. Vielleicht bin ich aber auch im Augenblick ein wenig übersensibel.

 

21.05 Uhr. Die erste Halbzeit neigt sich dem Ende zu. Auf der linken Abwehrseite ist Pander überfordert, der entsprechende Flügel wird immer wieder von gegnerischen Angreifern überrannt. Löw muss eingreifen, die Abwehrreihen sortieren und wird deshalb den armen Pander nach der Pause durch den stellungssichereren Jansen ersetzen.

 

Mein mittlerweile überspanntes Bewusstsein nimmt nunmehr nur noch Erschreckendes wahr: Podolski schießt im Strafraum der Waliser den eigenen Mann an. Den eigenen Mann anschießen? Zu einer solchen Wendung fallen mir einstweilen lediglich gruselig-euphemistische Begriffe wie „Kollateralschaden“ und „Friendly Fire“ ein. Gewaltige Fragen tun sich auf: Wie wird diese Angelegenheit strafrechtlich gehandhabt? Und wie sagt es der DFB am Ende dem Witwer? Und wird Angela Merkel bei den Trauerfeierlichkeiten anwesend sein, ist man(n) doch in Erfüllung seiner Dienstpflicht im schicken Dress der Nationalmannschaft gefallen?

 

Besser „rahnen“ statt schießen?

Mein getrübter Blick richtet sich wieder auf die Mattscheibe. Hilbert führt wieder einen aggressiven Zweikampf und leitet damit eine gefährliche Situation ein. Beklemmung ergreift mein wundes Pazifistenherz: Muss etwa wieder jemand um Gesundheit oder gar Leben bangen? Und sollte man gar dem DFB vorschlagen, alle Begriffe aus dem Wortfeld „Kampf“ und „Gewalt“ durch harmlosere Varianten zu ersetzen, die an die Vornamen berühmter Fußballer erinnern? So könnte man beispielsweise kinderleicht das aggressive Verb „schießen“ durch das viel charmanter klingende Neuwort „rahnen“ ersetzen. Ich fürchte allerdings, dass diese Idee im gesamtdeutschen Sprachraum nur schwer durchsetzbar sein wird, deshalb lasse ich den Gedanken wieder fallen.

 

21.55 Uhr. Auch die zweite Halbzeit hat es bald geschafft, Deutschland führt souverän mit 2:0. Mir ist mittlerweile in schmerzhafter Weise klar geworden, dass ich trotz vorgeblicher Reflexionsfähigkeit Opfer meiner eigenen sprachlichen Arglosigkeit geworden bin. Die im Fachjargon des Fußballs gebundene Kriegsmetaphorik ist in der frühen Kindheit des Fußballs hinterrücks in unseren Sprachgebrauch eingedrungen und im Laufe der Zeit direkt vor unseren Augen so heimtückisch verblasst, dass wir uns nicht ernsthaft dagegen zur Wehr gesetzt haben. Nun stehen wir hier inmitten unserer Spaßgesellschaft, sind umzingelt von martialischen Ausdrücken und militaristischen Wendungen und werden die Geister, die wir selbst nicht gerufen haben, nicht mehr los, weil uns die meisten gewalttriefenden Metaphern, Vergleiche, Formulierungen oder auch Spitznamen so geläufig geworden, dass wir sie unreflektiert übernommen haben. Schöne Grüße von Gerd Müller, dem „Bomber der Nation“, der die WM-„Torjägerkanone“ gar mit nach Hause nehmen durfte.

 

22.03 Uhr. Das Spiel ist beendet. Ich sehe schon die Schlagzeilen der einschlägigen Zeitungen am kommenden Montag vor mir: „Kapitän Klose versenkt die Waliser Schaluppe“, oder „Löws Löwen lassen wankenden Walisern keine Chance.“ Mir wird bang ums Herz.

 

Das Dilemma des pazifistischen Papas und Linguisten

23.15 Uhr. In letzter Konsequenz stecke ich nun in einem üblen Dilemma: Ich versuche als bekennender Kriegsgegner meinen zweijährigen Sohn im Sinne des Pazifismus zu erziehen und ihn zu einem friedliebenden Menschen heranreifen zu lassen. Selbstverständlich dulde ich kein Kriegsspielzeug in seiner Nähe und keine militaristischen Termini in seinem Wortschatz. Das ist die eine Seite. Andererseits möchte ich aber auch seine natürliche Entwicklung zum Fußballfan nicht einschränken, soll er sich doch möglichst intrinsisch motiviert zum dritten Geburtstag eine Dauerkarte von Borussia Dortmund wünschen und später viel sinnfreie Zeit vor raumgreifenden Bildschirmwänden in Fußballkneipen zubringen. Aber was soll ich ihm sagen, wenn er mich später im Zuge seines aufblühenden Intellekts fragt, warum ich ihn mit einer Sportart infiziert habe, deren Sprache ihn in großen Teilen mit aggressiven Kriegs- und Kampfmetaphern umgibt? Vermutlich wird meine Antwort kurz ausfallen, denn ich werde einen Ausspruch eines der letzten großen Fußballphilosophen unserer Zeit, Franz Beckenbauer, zitieren: „Mein Sohn, verzeih’ mir, der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“

DR. UWE WIEMANN

Dr. Uwe Wiemann, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur, ist Autor eines Deutsch-Lehrwerks für ausländische Fußballprofis mit dem Titel
„Deutsch für Ballkünstler“  und Initiator des Projektes „Die Welt spricht Fußball“ einem auf Fußball basierenden Sprachförderkurs für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund.

(Ursprünglich: Thema des Monats im Oktober 2007)