Tonstörung – Fußball-Liga provoziert Radiosender

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) scheint nicht klug zu werden: Nach dem Ärger mit dem Kartellamt wegen ihres Modells der zentralisierten Vermarktung von Fernsehrechten, legt sich die Bundesliga auch noch mit dem Hörfunk an. Zur Stunde ist nicht sicher, ob die Reporter des privaten Hörfunks zum Bundesligastart im August überhaupt in die Stadien dürfen.

Weniger Tore für die Ohren

„Tor in Bielefeld!“ – „Elfmeter in München!“ – „Ein schwarzer, schwarzer Tag für die Clubberer!“: so klangen und klingen die aufgeregten Reporterstimmen, wenn Fußball aus dem Radio kommt. Am bekanntesten ist die „Schlusskonferenz“. Da geht es hin und her, von Stadion zu Stadion, Manni Breuckmann und Sabine Töpperwien fallen sich ins Wort, die Ereignisse überschlagen sich und die Stimmen auch. Für Fußball-Fans ist das eine Wonne. Zu den Worten formen sie eigene Vorstellungen. Jeder macht sich selbst ein Bild vom Spiel. Herrlich! Aber nicht nur WDR und NDR, BR und der Hessische Rundfunk – also die regionalen Anstalten der ARD – wollen ihre Hörer auf dem Laufenden halten, sondern auch für die privaten Hörfunkanstalten wie FFH und FFN, Antenne Bayern oder Radio NRW gehört die Berichterstattung von der 1. und 2. Bundesliga zum selbstverständlichen Service für die Hörer und damit zum Geschäft. Anders als beim Fernsehen gibt es hier zwar keine Ausschreibung der Rechte, kein Pokern mit Agenturen, aber es gibt dennoch Verträge. Mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten vereinbart der Fußball den Sendeumfang und die inzwischen reduzierten Übertragungszeiten sowie die Konzentration der „Konferenz“ auf die Schluss-Viertelstunde. Die DFL will Geld sehen, wenn die Hörer Tore für die Ohren bekommen. Jetzt will sie wieder einmal mehr Geld sehen. Als sei ihr der Ärger mit der TV-Zentralvermarktung nicht genug, legt sich die Fußball-Liga nun auch noch mit den privaten Hörfunksendern an.

 

Die nimmersatte Bundesliga

Ein globales Abkommen mit allen Sendern will die DFL vermeiden. Stattdessen sollen alle interessierten Sender einzeln eine Vereinbarung unterzeichnen, die u.a. enthält: Preissteigerungen für die so genannte „Stadion-Grundpauschale“ und empfindliche Einschränkung der Live-Berichte. In den Stadien richten die Vereine Plätze für die Radio-Reporter so ein, dass diese ordentlich arbeiten können. Dafür zahlen die Sender eine „Grundpauschale“. Nicht die Vereine sind also dankbar, dass berichtet wird – nein, die Sender zahlen dafür, dass sie aus den Stadien berichten dürfen, als sei die Information nicht deren Pflicht, sondern eine von den Vereinen gewährte Gnade. So ein Radiomann darf auch nicht einfach berichten, was er will, wie viel er will und wie er will – nein, es gibt genaue Vorschriften. Für die Exklusivität der Liga ist vor allem der On-Air-Live-Ticker wichtig: also, die Meldung der jeweiligen aktuellen Spielstände. Diese nachrichtliche Berichterstattung will die DFL neu regeln: Kleine Sender sollen einen aktuellen Spielstand nur für jene Spiele melden dürfen, die im eigenen UKW-Einzugsgebiet liegen. Also darf der Schalker Privathörer zwar noch mitbekommen, wie es gerade in Dortmund steht, aber nicht mehr, wenn z.B. Werder Bremen soeben gegen den VfB Stuttgart ein Tor geschossen hat. Über Ausnahmen – z.B. wenn es sich um einen direkten Konkurrenten des Heimatvereins, um Abstieg oder Meisterschaft handele – könne man ja reden, räumt die DFL großzügig ein. Der VPRT-Vizepräsident Hans-Dieter Hillmoth, im Verband der Privatsender für den Hörfunk zuständig, fordert eindeutig: „Das muss weg!“. Das Angebot der DFL für die Saison 2008/2009 sei nicht akzeptabel.

 

Hintergund: Offene Rechtsfrage, ob es überhaupt Hörfunk-Rechte gibt

Hintergrund der neuerlichen Provokation durch die DFL ist der gegenwärtige Rechtszustand: Es ist ungeklärt, ob es überhaupt Hörfunk-Rechte gibt – aber alle Beteiligten leben gut mit dieser offenen Frage. Durch Agreements überbrücken sie eigentlich unüberbrückbare Differenzen. Die DFL vertritt die Meinung: wir veranstalten die Ligaspiele als Event. Wer daran teilhaben will, muss dafür zahlen. So wie es das Recht am Bild gibt, gehören auch Geräusche und Gesänge, Torschrei und Pfiffe zum Geschehen. Wer dies live überträgt, muss dafür Rechte erwerben. Die Radiosender sehen das anders: ein Journalist berichtet über ein öffentliches Ereignis. Wer darüber schreibt, erbringt eine selbständige journalistische Leistung und verbreitet nicht einfach das Event. So selbstverständlich wie es folglich keine Print-Rechte gibt, kann es auch keine Hörfunk-Rechte geben, da es der Radio-Reporter ist, der die Berichte formt. Beide Seiten sind nun unsicher, was passieren würde, wäre diese offene Rechtsfrage eines Tages definitiv geklärt. Sollte höchstrichterlich festgestellt werden: Ja, es gibt Hörfunkrechte, wäre eine Lawine von Teuerungen die sofortige Folge. Mindestens die Situation des Hörfunks, vermutlich die des Sportjournalismus generell hätte sich komplett verändert. Darum trauen sich auch die Sender nicht, ein für alle Mal normativ feststellen zu lassen, dass es keine Hörfunk-Rechte gibt. Da zahlen sie lieber unter der Hand ein wenig mehr für die Reporterplätze oder klären etwaige Streitigkeiten im Kontext mit den viel wertvolleren TV-Verträgen. Mit den ARD-Sendern funktioniert das auch weiterhin so, aber die gierige DFL möchte noch vor Saisonbeginn unbedingt aus den vielen kleinen privaten Hörfunksendern ein wenig mehr als bisher auspressen. Dass sie dabei auch noch zu steuern wünscht, wann und in welchem Verbreitungsgebiet der jeweilige Spielstand live „getickert“ werden darf, spricht nicht nur der Pressefreiheit Hohn, sondern steht auch in eklatantem Widerspruch zur unternehmerischen Freiheit, auf die sich die DFL regelmäßig beruft, wenn sie den kartellartigen Zusammenschluss der Vereine rechtfertigt. Würde es der DFL nicht gerade jetzt ganz gut zu Gesicht stehen, wenigstens gegenüber dem Radio die Arroganz abzulegen?

Bernd Gäbler, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur und der Jury zum Fußballbuch des Jahres 2008, wurde 1953 in Velbert geboren. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Anschließend war er als Journalist tätig, zunächst für verschiedene Printmedien, später fürs Fernsehen (WDR, Hessischer Rundfunk, VOX, SAT.1). Von 1997 bis 2001 leitete er das Medienressort bei der Zeitung „Die Woche", danach war er bis 2005 Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl. Zur Zeit ist Bernd Gäbler Dozent für Journalistik in Bochum.