Geschichte

Togos Elf: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Hervé Tcheumeleu, Herausgeber des afrikanischen Fußball-Magazins 'African Challenge' bezieht im Interview mit der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur Stellung. Im Blickpunkt: Das Attentat auf die Elf aus Togo, Angolas Zukunft und der Fußball sowie die Frage nach dem Favoriten des Turniers.

Togos Elf:

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Ein Interview mit Hervé Tcheumeleu, dem Herausgeber des Fußball-Magazins 'African Challenge'.

African Challenge

Herr Tcheumeleu, welche Bedeutung hat der Africa Cup of Nations für den afrikanischen Kontinent? Und wie stark wird Angola im afrikanischen Fokus stehen?

Das ist schon vergleichbar mit einer Fußball-Europameisterschaft. Das Turnier wird in alle afrikanischen Länder übertragen, auch in diejenigen, die sich nicht qualifiziert haben. Für jeden Spieler ist es eine Prestige-Frage, an so einem großen Turnier teilzunehmen, es ist auch für den ganzen Kontinent beleidigend, wenn beispielsweise Inter Mailands Trainer Mourinho Kameruns Top-Stürmer Eto'o nur unwillig freistellt. Für Angola bedeutet es die einmalige Möglichkeit, nach einem jahrelangen Bürgerkrieg in ganz Afrika einen positiven Eindruck zu hinterlassen und zu zeigen, dass der Frieden bleibt.

Angola kam nach über einem Vierteljahrhundert Bürgerkrieg erst 2002 zur Ruhe. Welche Rolle spielt ein Großereignis wie der Afrika-Cup beim Einigungsprozess des Landes?

Fußball ist die Königs-Sportart Afrikas mit der ungeheuren Kraft, zumindest für kurze Zeit, Frieden zu stiften. Es kam schon vor, dass Rebellen und Regierungstruppen ihre politischen Differenzen außen vor und ihre Waffen niedergelegt haben, nur um die Nationalmannschaft ihres Landes gemeinsam zu unterstützen. So war es, als sich die Elfenbeinküste erstmals für eine WM, 2006 in Deutschland, qualifizierte, so geschieht es auch in der Demokratischen Republik Kongo: An den Spielen zwischen einzelnen Dörfern nehmen auch Rebellen teil.

Die Nationalmannschaften einigen auch gespaltene Nationen, vor allem natürlich bei einem Sieg. Dieses Phänomen beschränkt sich ja nicht nur auf Afrika, auch hierzulande sitzen Politiker jeglicher Couleur, CDU, Linke, SPD und die anderen, nebeneinander auf der Tribüne und feuern gemeinsam ihr Team an. Auf diesen Effekt hatte auch Angolas Regierung gehofft und sogar eine kritische Provinz wie Cabinda zum Spielort bestimmt. Trotz des Attentats auf die Elf aus Togo ist ja auch dort die Stimmung exzellent. Das ist schon ein Erfolg für die Angolaner.

Kam der Afrika-Cup für Angola zu früh? Nach dem Attentat auf die Equipe Togos mehrten sich die Stimmen derer, die heftige Kritik an der Vergabepraxis des afrikanischen Fußballverbandes übten.

Angola hat sich gut auf das Fußball-Fest vorbereitet. Meines Erachtens ist der Afrika-Cup gerade jetzt der richtige Impuls, den dieses Land nötig hat nach all den Wirren der Vergangenheit. Angolas Wirtschaft wächst rasant, für das Turnier wurde massiv in die Infrastruktur investiert, zudem alle vier Stadien neu errichtet.

Sicher stellt sich die Frage nach der Sicherheit aller Beteiligten vor dem Hintergrund des Attentates auf Togos Mannschaft. Bedauerlicherweise gibt es in vielen Regionen des Kontinents, nicht nur in Angola, noch rebellierende Gruppen, die die einheimische Bevölkerung terrorisieren. Die Wahl Cabindas zum Spielort hat aber sicher auch die Einheit Angolas forciert. Es ist eine Politik der Stärke gegenüber denjenigen, die mit Waffengewalt Unruhe stiften wollen.

Das Attentat wirft natürlich einen dunklen Schatten auf das Turnier. Doch warne ich vor Verallgemeinerungen. Angola ist lediglich ein Teil Afrikas und die Sicherheitslage dort gänzlich anders gestrickt als in Südafrika. Die WM am Kap, wie so viele Kritiker es gerade tun, jetzt in Frage zu stellen, ist absolut fehl am Platz.

Ich erzähle ihnen eine kleine Geschichte: Ich selber wurde vor zwei Jahren in Berlin, meinem Wohnort, mitten auf der Friedrichstraße in Mitte Opfer eines gewaltsamen Übergriffes und plagte mich noch Wochen später mit den gesundheitlichen Folgen herum. Deshalb habe ich aber nicht die Sicherheitslage in Deutschland komplett in Frage gestellt oder einen Generalverdacht des Rassismus formuliert. Ich denke, ähnlich wie bei mir in Berlin, war das tragische Attentat von Cabinda eher eine Verkettung unglücklicher Umstände. Die Mannschaft Togos war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie so viele Länder Afrikas griff auch Angola auf die Dienste Chinas beim Bau der neuen Stadien zurück. Ist das große Engagement des Reichs der Mitte in Afrika ein Fluch oder ein Segen?

Jahrzehntelang pflegte Afrika eine privilegierten Beziehung mit den Europäern. Nur brachte das dem Kontinent letztlich wenig ein. In allen wichtigen Sektoren mangelt es an der nötigen Infrastruktur. Seit einigen Jahren engagiert sich China sehr stark und bietet vor allem für den Bausektor erheblich günstigere Bedingungen als die Europäer. Das kommt Afrika sicher zu Gute - Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Vom chinesischen Engagement kann Afrika unter den jetzigen Bedingungen nur profitieren.

Die WM-Mannschaften Afrikas spielen dieses Jahr gleich zwei große Turniere. Ist die Teilnahme am Afrika-Cup für die WM-Teilnehmer ein Vor- oder ein Nachteil?

Es kann schon ein Nachteil sein, dass die afrikanischen WM-Teilnehmer keine richtige Winterpause haben und die Spieler durch ihre Teilnahme in Angola Stammplätze im Verein gefährden. Es ist auch durchaus möglich, dass nicht jeder Spieler aus Angst vor Verletzungen, die ihm die WM-Teilnahme kosten könnten, sein volles Leistungsvermögen ausschöpft. Doch ich sehe auch Positives: Der Afrika-Cup ist dieses Jahr eine Art Generalprobe. Jetzt haben die Trainer ihr Team über drei Wochen lang zusammen, jetzt kann der Grundstein für ein erfolgreiches Zusammenspiel geschaffen werden. Was nützt es denn der Elfenbeinküste, die einige der besten Spieler der Welt im Kader hat, wenn diese nicht auch als Mannschaft funktionieren. Wenn sie nicht oft zusammen spielen, sind sie keine Mannschaft, sondern nur eine Aufstellung der besten Spieler.

Wer ist in Angola jetzt der Titelfavorit?

Nach den ersten Eindrücken war ich schon etwas enttäuscht über die afrikanischen WM-Teams. Vor allem von Kamerun, dem Team, dem ich die Daumen drücke. Ich sehe Kamerun trotzdem den entscheidenden Tick vorne. Die Mannschaft hat unter Trainer Paul Le Guen jetzt nach acht Spielen die erste Niederlage hinnehmen müssen, doch der jüngste Kader, den Kamerun je zum Afrika-Cup geschickt hat, ist trotzdem titelreif. Seriensieger Ägypten hat mich auch überzeugt. Doch kein Team hat das Turnier bislang dreimal in Folge gewinnen können, und dabei wird es auch bleiben.