Tief im Süden Afrikas - Ein Fußballreisebericht aus Namibia

Frank Willmann ist Mitglied der Deutschen Autorennationalmannschaft und hat zahlreiche Bücher über den Fußball in der DDR veröffentlicht. Diesen Sommer war er in ganz anderen Regionen unterwegs, nämlich tief im Süden Afrikas. Ein Reisebericht aus Namibia, Nachbar des Gastgeberlandes.

Frank Willmann ist Mitglied der Deutschen Autorennationalmannschaft und hat zahlreiche Bücher über den Fußball in der DDR veröffentlicht. Diesen Sommer war er in ganz anderen Regionen unterwegs, nämlich tief im Süden Afrikas. Von seinem Arbeitsbesuch in Namibia, Nachbarland des WM-Gastgebers Südafrika, hat er folgenden Fußball-Reisebericht mitgebracht.

Wie fast überall auf der Welt ist auch in Namibia der Fußball die Sportart Nummer 1. In den Vierteln der Schwarzen, die mancher Europäer als Slums bezeichnen würde, sieht man vielerorts Jungs, die barfüßig Fußball spielen. Ihr Spielgerät ist, zumeist jedenfalls, ballartig. Das Spielfeld ist mal Acker, mal Sandstraße.

Namibia ist ein armes Land. Erst seit 1990 ist es unabhängig. Bis 1918 deutsche Kolonie, wurde das Land 1920 vom Völkerbund Südafrika als Mandatsgebiet zugeteilt. Südafrika versuchte in der Folge, Namibia widerrechtlich zu annektieren, unterdrückte die schwarze Bevölkerung und presste das Land aus. Insbesondere die Bodenschätze (Diamanten, diverse Edelmetalle) hatten es den Südafrikanern angetan. 1971 erklärte der Internationale Gerichtshof in Den Haag die südafrikanische Verwaltung für illegal. Es folgte ein blutiger Krieg der namibischen Befreiungsorganisation SWAPO gegen die südafrikanischen Besatzer, erst 1989 war das Land befreit.

Durchbruch 1977: Eine gemeinsame Fußball-Liga von Schwarzen und Weißen

Auch der Fußball wurde von der südafrikanischen Apartheidpolitik beherrscht. Erst seit 1977 gibt es eine gemeinsame Liga von Schwarzen und Weißen. Davor wurde in parallelen Ligen gespielt. Der Meister der Weißenliga qualifizierte sich für die südafrikanische höchste Spielklasse.

Die MTC Namibia Premier League ist heute die höchste Spielklasse im Land. Es ist eine reine Amateurliga. Zwölf Mannschaften treten in einer Hin- und Rückrunde gegeneinander an. Acht der Teams kommen aus der Hauptstadt Windhoek, die mit den African Stars den letztjährigen Meister stellte. Nach dem Gewinn der Meisterschaft - die mit einer Prämie von ca. 35.000 Euro durch den Ligasponsor verbunden war - feierten 6000 African-Fans ausgelassen mit der Mannschaft.

Mit der Lohntüte gleich ins Stadion

Klaus ist Fan des Eleven Arrows FC aus Walfishbay. Sein Vater, Weißer, kommt aus Hamburg, seine Mutter, Schwarze, vom Stamm der Ovambo. Der Eleven Arrows FC spielt einen guten Stiefel in der MTC. Trainiert wird 2-3 mal in der Woche, die Kicker bekommen 150 – 300 Euro Gehalt pro Monat. Das Stadion ist in der Regel mit 400 Zuschauern meist nur zu 10% gefüllt. Der Eintritt beträgt 20 namibische Dollar, etwa 1,70 Euro. Für viele Leute ist das eine Menge Geld.

Monatsanfang, wenn es Lohn gab, strömen die Fans. Auf den Rängen wird ordentlich gelärmt und werden etliche Bierchen getrunken. Eleven Arrows hat ca. zwanzig Fanklubs, zu Auswärtsspielen fahren manchmal zwei Fanbusse mit. Legendär sind die Afterpartys mit den Spielern, die immer stattfinden: egal ob gewonnen oder verloren wurde. Die Liga wird von einem Mobiltelefonanbieter gesponsert, bei einigen Clubs gibt es seit neuestem Überlegungen, das Profitum einzuführen.

Von Südafrika lernen

Johnny Doeseb, der Vorsitzende der Premier-League will die höchste namibische Spielklasse professioneller machen. Dafür reiste er kürzlich zusammen mit vier Kollegen nach Südafrika. Hauptziel der fünfköpfigen Delegation war es, Informationen und Erfahrungen mit ihren südafrikanischen Kollegen der Premier Soccer League (PSL) auszutauschen. Die PSL befindet sich seit einigen Monaten im Aufwind und zählt zu den professionellsten Ligen Afrikas. Des Weiteren führten die Namibier Gespräche mit dem Fernsehsender „Super Sport“, um die hiesige Liga im gesamten Afrika auszustrahlen. „Wir wollen das Gesicht des Fußballs in Namibia verändern. Wir müssen endlich etwas unternehmen, um den Sport in die richtige Richtung zu lenken“, so Doeseb. Beide Parteien haben eine Absichtserklärung unterzeichnet. Namibier sollen in Südafrika Fortbildung erfahren. Wann genau die neue Zusammenarbeit beginnen wird, ist allerdings noch nicht bekannt.

 

 

Klaus sieht der Sache gelassen entgegen. „Keiner hat Geld, die Stadien sind leer, das Fernsehen interessiert sich nicht. Die Spieler träumen von Bayern München, mindestens von Ajax Cape Town. Wer gut Fußball spielt, haut aus Namibia ab. Ich gehe ins Stadion, um Freunde zu treffen und mit denen lustig einen zu trinken. Letztens hat ein Trainer die eigenen Fans mit einer Pistole bedroht, als sie ihn lautstark beschimpften. Dann hat er sie wieder eingesteckt, alle haben gelacht und nach dem Spiel ein Bier zusammen getrunken.“

Namibisch-deutsche Doppelpässe

Erst seit den 90ern ist das Land in der Fifa vertreten und nimmt an Qualifikationen zur Afrikameisterschaft und Weltmeisterschaft teil. Bisher mit wenig Erfolg. Die beiden bekanntesten namibischen Fußballer sind Collin Benjamin und Razundara Tjikuzu. Benjamin kickt seit 2001 erfolgreich für den HSV. Tjikuzu versuchte sich bei Werder, Hansa und Duisburg. Er fiel weniger durch spielerische Klasse, als durch groben Unfug und Disziplinferne auf. Gegenwärtig versucht er sich bei einem unbedeutendem Club in Istanbul. Namibische Legionäre kicken meist in Südafrika oder Deutschland. Mit Heinz-Peter Ueberjahn kam ein ehemaliger Nationaltrainer aus der BRD. Der gegenwärtige Technische Direktor des Namibischen Fußballverbands (NFA) kommt ebenfalls aus Deutschland. Er heißt Klaus Stärk und war vorher in Afghanistan tätig.

Stärk kümmert sich um die lange Zeit vernachlässigte Trainerausbildung und die namibische Fußballjugend. Da er selten über vernünftige Räume verfügt, zieht er zu seinen Seminaren schon mal in einen Friseursalon um. Die Fußball-WM 2010 wird ohne Namibia stattfinden, die Mannschaft ist bereits in der Vorrunde gescheitert. Trotzdem versucht man, vom WM-Boom zu profitieren. Ziel ist es, eine der teilnehmenden Fußball-Nationen als Gast zu beherbergen. Allerdings ist die fußballerische Infrastruktur Namibias mangelhaft. Selbst das Nationalstadion in Windhoek ist nur bedingt tauglich. Sicher werden sich auch einige WM-Touristen nach Namibia begeben, hoffen wir für das Land, dass es nicht bei nur bei einigen wenigen bleibt.

Oberfan Robby trinkt immer gratis mit

Im ganzen Land bekannt ist Namibias Oberfan Robby Savage. Der behinderte Fan begleitet die Nationalmannschaft bei all ihren Spielen. Das Team zahlt gern seine Spesen. Er ist ihr Glücksbringer. Da viele Namibier abergläubisch sind, spielt Oberfan Robby Savage eine wichtige Rolle im Mannschaftsgefüge.

Neuerdings ist er in Windhoeks Restaurants unterwegs, um von seinem Prominentendasein zu profitieren. Er hat es sich abgewöhnt, verzehrte Speisen und Getränke selbst zu bezahlen. Erkennt ihn ein Kellner nicht rechtzeitig und setzt ihn vor die Tür, muss er für Robbys Sause blechen. Business as usual.

 

 

Frank Willmann, geboren 1963 in Weimar, reiste 1984 nach Westberlin aus und lebt seither als Schriftsteller, Journalist, Herausgeber und Reisender in der Hauptstadt. Die letzten seiner zahlreichen Veröffentlichungen sind: "Stadionpartisanen - Fußballfans und Hooligans in der DDR", mit dem er zum Fußballbuch des Jahres 2008 nominiert war, "Ultras, Kutten Hooligans" und "Satan, kannst du mir noch mal verzeihen?". Zudem hat er Gedichte und Dramen veröffentlicht und ist aktives Mitglied der Deutschen Autorennationalmannschaft.