Literatur

"Tee mit dem Tyrannen"

Der deutsche Trainer Burkhard Pape ist einer der großen Wandervögel des Fußballs. Unter anderem war er Nationaltrainer Ugandas - unter Diktator Idi Amin. Der Journalist Bartholomäus Grill gewährt zu dieser Geschichte einen Einblick in sein Buch Laduuuuuma.

Das folgende Kapitel aus Laduuuuuma dreht sich um den deutschen Fußballlehrer Burkhard Pape in Uganda – tiefe Einblicke ins Innere Afrikas sind garantiert!

Auszug aus dem Kapitel

Tee mit dem Tyrannen

Der Fußballlehrer Burkhard Pape und seine Mission in Afrika

 

 Idi Amin war ein bösartiger Mensch, der sich für einen Gott hielt, und deswegen war eine profane Visitenkarte viel zu klein für seinen vollständigen Titel: »Seine Exzellenz, Präsident auf Lebzeiten, Feldmarschall, Mekka-Pilger, Doktor Idi Amin Dada, Träger des Siegeskreuzes, akademischer Rat, Zeremonienmeister, Herr aller Tiere der Erde und aller Fische im Wasser und Eroberer des britischen Imperiums in Afrika im Allgemeinen und in Uganda im Besonderen«. Idi Amin wurde zum Inbegriff des schwarzen Despoten. Unter seiner Terrorherrschaft in den Jahren 1971 bis 1979 starben 250.000 bis 500.000 Menschen, die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt. Wer dem Tyrannen den Kadavergehorsam verweigerte oder ihn gar kritisierte, musste damit rechnen, an Fleischerhaken aufgehängt und langsam zu Tode gequält zu werden. Es soll nur einen einzigen weißen Mann gegeben haben, der es wagen durfte, ihm die Wahrheit zu sagen – die fußballerische Wahrheit. Der Mann heißt Burkhard Pape. Er war von 1968 bis 1973 Trainer in Uganda und sollte die Nationalmannschaft der »Kraniche« zum besten Team des Universums formen. Das war jedenfalls die Mindestzielvorgabe von Idi Amin. [....]

Idi Amin, 1,93 Meter groß, 150 Kilo schwer, ugandischer Boxmeister aller Klassen und Rugby-Nationalspieler, war schließlich ein sportbegeisterter Militär. Nach dem Staatsstreich* rief er den Trainer zu sich. »Coach, ich bin jetzt Präsident, komm direkt zu mir, wenn du irgendetwas brauchst.« Und dann lachte er dieses donnernde Lachen, ha, ha, ha, ha, es hallt noch heute in den Ohren von Pape.

 »Der General konnte brutal sein. Aber ich hab ihn ganz anders erlebt, witzig und lustig. So wie ’n Kind hat der manchmal gefragt: ›Coach, wie machste das? Guckst du nicht, aus welchem Stamm die Spieler kommen?‹ ›Nee‹, sag ich, ›bei mir geht’s rein nach Leistung.‹ Nie hat er mir in die Mannschaftsaufstellung hineinregiert.« Kurze Pause. Dann, im Genscher-Duktus: »Wir waren befreundet, das kann man schon sagen.« Idi Amin schätzte den Trainer aus Germany mehr als jeden anderen Gastarbeiter. »Pape is our own Pope«, verkündete er gern. Zu den Aufgaben des Sportpapstes gehörte es auch, den Faulheitsteufel auszutreiben. Einmal verdonnerte Big Daddy sein gesamtes Kabinett zum Fitness-Drill. »Ich sollte die Minister ordentlich in den Hintern treten. Das habe ich dann auch gemacht. Das Sondertraining bei mir hat keiner so schnell vergessen.«

 Burkhard Pape erlebt in Uganda seine fruchtbarsten Trainerjahre. Unter seiner Regie starten die bis dahin recht unbedarften Cranes zu einem Höhenflug und werden zur stärksten Nationalelf der Region. Sie holen dreimal den Ostafrika-Cup und einmal den begehrten Pokal, den das südafrikanische Brauhaus Castle gestiftet hat. Am Ende der Ära Pape stehen 52 Siege, 18 Remis und nur 13 Niederlagen zu Buche. Nach dem ersten Auswärtssieg in Tansania wollte ihm ein Stammeshäuptling seine Tochter schenken. Der Coach lehnte dankend ab. »Was hätten wohl meine Frau und die Schwiegereltern dazu gesagt?« Solche Episoden erzählt Pape gern. Aber wenn er an seine schönsten Erlebnisse zurückdenkt, dann fällt ihm zuallererst die Gastspielreise im Jahr 1970 ein: »Noch nie vorher hatte eine schwarzafrikanische Fußballnationalmannschaft in Deutschland gespielt. Mensch, das war was!« Pape schlägt jetzt eine heroische Tonlage an, wie ein Sportkommentator in der Herberger-Zeit. Seine »schwarzen Perlen« mit den Leopardenfellmützen waren eine Sensation, überall wurden sie bestaunt und manchmal auch belächelt. Zum Beispiel in einem Frankfurter Kaufhaus, als sie wie junge Rennpferde vor der Rolltreppe »scheuten«. Oder auf dem Feldberg im Schwarzwald, wo ihnen der frei schwebende Sessellift nicht geheuer war. »Die kannten das ja nicht. Die waren noch nie rausgekommen aus Afrika.«

 Auf dem Fußballplatz aber spielten die Ugander unbefangen auf, und natürlich wurden sie in allen Gazetten mit Gazellen verglichen – wegen ihres eleganten Laufstils. Unter den Augen des damaligen Entwicklungshilfeministers Erhard Eppler schlugen sie eine südbadische Auswahl locker mit 3:0. Auch gegen den Länderpokalsieger Bayern gewannen die Ugander, das Match gegen Bayern Hof endete 1:1. Nur gegen die deutsche Amateurnationalmannschaft, für die ein junger Blondschopf namens Uli Hoeneß stürmte, verloren sie 1:2 – durch ein blödes Tor in der 88. Minute. Selten hatte man fröhlichere Fußballgäste in der verkrampften Bundesrepublik gesehen, und noch nie wurden so wunderliche Gastgeschenke verteilt: prächtige Zebrafelle, grimmige Masken oder Häute von Riesenschlangen. Wo immer die Ugander hinkamen, allerorten empfing man sie mit offenen Armen, rassistische Anspielungen sind nicht überliefert. Kein Zuschauer wäre auf die Idee gekommen, die Besucher mit äffischen Lauten oder Bananen zu provozieren. In den 1970er-Jahren wurden Afrikaner noch nicht als Bedrohung empfunden, als potenzielle Armutsflüchtlinge, die heuschreckenartig über Europa herfallen, wie ein Bundestagsabgeordneter der CDU einmal gewarnt hat.

 In Uganda wurde den »Kranichen« ein triumphaler Empfang bereitet, und der deutsche Fußballlehrer avancierte zum bekanntesten und beliebtesten Ausländer. Trotzdem konnte niemand seinen Namen korrekt aussprechen, es hörte sich an wie ein Klangzwitter aus »Peip« und »Paip«. Schon bald erweckte Burkhard Papes »Schule« auch in den Nachbarländern Begehrlichkeiten. »Wir haben den besten Trainer, ihr könnt ihn kriegen«, versprach Idi Amin bei einem Staatsbesuch im Sudan. Nach der Heimkehr teilte er Pape kurz mit: »Coach, ich hab dich ausgeliehen, du musst jetzt sechs Wochen nach Khartum.« Ein andermal, Pape jagte gerade im tiefsten Busch nach Leoparden, ließ der Präsident über den nationalen Radiosender nach ihm fahnden, um ihn zu einem Länderspiel herbeizukommandieren. »Gegen uns seid ihr chancenlos!«, hatte Idi Amin bei einem Tête-à-Tête mit seinem Amtskollegen aus dem Kongo geprahlt. Also wurde anlässlich der geplanten Visite in Brazza ville ein Ländervergleich angesetzt, und zwar drei Tage später. Pape musste die Jagdpartie unverzüglich abbrechen. »Der General war völlig unberechenbar.« Der General. Keiner außer Pape durfte den Präsidenten so anreden. Und keiner hätte es gewagt, im Trainingsanzug zu ihm zu gehen. »Als 1971 unser Sohn Timo in Kampala geboren wurde, hat der General als Erster gratuliert. Er tat so, als wäre er der Vater. Er erklärte unseren Kleinen quasi zum Halb-Ugander«, sagt Pape, und in seinen Worten schwingt Stolz mit. Welcher Weiße kann schon von sich behaupten, mit diesem verruchten Alleinherrscher befreundet gewesen zu sein? »Durch meine guten Beziehungen war ich oft der Türöffner für Diplomaten oder Geschäftsleute, die sonst nie an ihn herangekommen wären.« Manchmal rief Idi Amin auch spontan an, um sich seiner Taten zu rühmen. »Coach, ich habe gerade die Israelis aus dem Land geworfen!« Und aus der Ohrmuschel dröhnte dieses vulkanartige »Ha! Ha! Ha!«.

 Der Westen hielt Idi Amin Dada zunächst für einen nützlichen Polit-Clown und ideologischen Verbündeten. Schließlich hatte er Milton Obote aus dem Amt gejagt, einen unsicheren Kantonisten, der gelegentlich mit dem Sowjetkommunismus geflirtet hatte. Es war Kalter Krieg, und in dieser Epoche wurde auch auf Idi Amin der realpolitische Aphorismus des US-Sicherheitsberaters und späteren Außenministers Henry Kissinger angewandt: »Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn.« Man ignorierte geflissentlich Berichte über Idi Amin und seine Soldateska, die von Anfang an Regimekritiker und Intellektuelle umbrachte und den Nilkrokodilen zum Fraß vorwarf. »Big Daddy«, wie ihn das Volk nannte, soll manchmal eigenhändig mitgemordet haben. Burkhard Pape ist die allgegenwärtige Angst vor der Diktatur natürlich nicht entgangen, im ganzen Land trieben Militärs, Polizisten und Geheimagenten ihr Unwesen, und selbst die Anfahrt zum Trainingsgelände säumten bis auf die Zähne bewaffnete Männer. Aber der Coach zog sich in sein fußballerisches Schneckenhaus zurück.

 Er kam allerdings in schwere Gewissensnöte, als ihn der Gewaltherrscher aufforderte, der öffentlichen Hinrichtung dreier »Vaterlandsverräter« beizuwohnen – im Fußballstadion. Eine deutsche TV-Crew, die gerade half, das staatliche Fernsehen in Uganda aufzubauen, sollte das Ereignis filmen und zur Abschreckung live ins ganze Land übertragen. »Alle sollen sehen, wie wir mit unseren Feinden umgehen«, trompetete Idi Amin. Pape versuchte, ihm dieses Vorhaben auf Wunsch der bedrängten TV-Leute auszureden. Dass er weiterhin in Uganda blieb und seinen Job tat, hat ihm im fernen Deutschland ein paar böse Kommentare eingetragen. Ein bisschen wurmt ihn das noch immer. »Richtig blutrünstig wurde Idi Amin erst während des Krieges gegen Tansania. Mobutu war damals viel schlimmer. Ich war doch nur Fußballtrainer, es war nicht meine Aufgabe, irgendetwas zu bemängeln«, rechtfertigt er sich. Die Pflicht – eine klassische deutsche Begründung. »Als sie (die Medien) mich schon verdonnert hatten, haben sie (die Politiker) ihn nach Bonn eingeladen.« Der Staatsbesuch von Idi Amin fand 1972 statt; er wurde von Bundespräsident Gustav Heinemann mit allen Ehren empfangen, Bundeskanzler Willy Brandt schüttelte seine Hand, und der Bürgermeister von Hamburg lud ihn zu einer Hafenrundfahrt ein.

Manchmal war Pape schon seltsam zumute, wenn er zu His Excellency gerufen wurde. »Meine Frau hat oft ängstlich auf mich gewartet und sich gefragt, ob ich lebend von den Besuchen zurückkehre. Das wissen nur die wenigsten Menschen.« Hatte er selbst je Angst bei den Privataudienzen? »Nee, hatte ich nie.« Auch nicht, als seine Cranes bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1972 scheiterten und eine Tageszeitung auf der Titelseite forderte: »Pape you must go!«? »Nee, ich hatte keine Angst. Wir verloren ja in Khartum gegen den Sudan erst nach einem unglücklichen Elfmeterschießen.« Idi Amin stärkte seinem Nationaltrainer den Rücken und versicherte ihm unter vier Augen: »Coach, du bleibst. Eher schließen wir eine Botschaft, als dass wir dich rauswerfen. Ha! Ha! Ha! Ich weiß, wer hinter dieser Zeitungsgeschichte steht. Der sitzt morgen hier bei mir.« Solche Ankündigungen kamen in der Regel einem Todesurteil gleich.

 Eines Tages befahl der Präsident: »Coach, bring mir die Brasilianer, wir werden sie schlagen.« Die Brasilianer waren seinerzeit Weltmeister – und sie kamen. Auf ihrer Afrika-Tour ein Jahr vor der WM 1974 in Deutschland machte die Seleção auch in Kampala halt. Die »Kraniche« waren dank Papes Aufbauarbeit zu einem satisfaktionsfähigen Gegner geworden, sie beherrschten sogar kili kili, eine frühe Form des modernen One-touch-Spiels. Ein paar Tage vor dem historischen Match wurde der Trainer wieder einmal zum Tee mit dem Tyrannen gebeten. »Coach, I have an idea. Wir machen ein Vorspiel.« Ein Team der Regierung, die sich großspurig Government of Action nannte, sollte gegen eine Auswahl des diplomatischen Corps antreten, und für jedes geschossene Tor wollte der Panafrikanist Idi Amin ein paar tausend Schillinge für den Befreiungskampf der schwarzen Südafrikaner gegen das weiße Apartheid-Regime spenden. Der Herrscher aller Ugander würde höchstpersönlich für eine hohe Trefferquote sorgen. Er stellte sich selbst als Mittelstürmer auf und spielte so ungestüm, dass er sich eine Zerrung zuzog. In der Halbzeitpause saß er angeschlagen in der Kabine, doch keiner traute sich, ihn zum Aufhören zu bewegen. Er ließ den Coach rufen. »Ich musste mir irgendwas ausdenken. Man konnte nicht einfach zu ihm sagen: Du wirst jetzt ausgewechselt.« Pape erklärte Idi Amin, dass es besser für die Nation sei, wenn er sich in der zweiten Halbzeit schone. Er könne ja als Schiedsrichter weitermachen. »Good idea«, meinte der Präsident und kehrte als Referee aufs Feld zurück.

 Es folgte eine der längsten Halbzeiten der Länderspielgeschichte. 45 Minuten, 50 Minuten, 55 Minuten verstrichen, aber Idi Amin wollte partout nicht abpfeifen. Die brasilianischen Stars standen am Rande des Spielfelds und wunderten sich. Wann geht’s endlich los? Ist das Spiel nicht für 17 Uhr anberaumt? Es ging schon auf halb sechs zu, aber die Minister und Diplomaten ackerten immer noch auf dem Platz herum. Wiederum wagte es keiner, den Diktator zu unterbrechen. Und wieder war es Pape, der ihn an die Seitenauslinie rief. Diese Szene ist auf einem Schwarz-Weiß-Foto verewigt. Der Coach steht im Adidas-Trainingsanzug vor der Haupttribüne des Nakivubo-Stadions, und der General schaut ostentativ auf die Uhr. Im nächsten Moment stößt er in seine Trillerpfeife, das Spiel ist aus, die Diplomaten und Minister sind erlöst. Der anschließende Ländervergleich endete mit einem gerechten Unentschieden – 1:1, ein fabelhaftes Resultat für die »Kraniche«.

 Die besten Spieler? »Ach, es gab viele Talente. Ashe Mukasa, Wilson Nsobya, Ali Kiggala. Oder Polly Ouma. Der hat bei meinem letzten Match gegen Algerien den Ausgleich geschossen, und wir waren für den Afrika Cup 1974 qualifiziert.«

 Einen »Kranich«, der damals schon nicht mehr dabei war, behielt Pape in ganz besonderer Erinnerung: John Ddibya. »Der war richtig klasse. Er war seinerzeit der beste Schlussmann in Afrika und hätte das Zeug zum Bundesligatorwart gehabt.« Aber die unstillbare Lust stand ihm im Weg. »Er hat rumgebumst wie ein Weltmeister. Einmal musste ich ihn von einer Nutte runterziehen, sonst hätten wir unser Flugzeug verpasst. Ddibya ist dann an Aids gestorben, wie so viele in Afrika.«

 Die Qualifikation für die Afrika-Meisterschaft war der letzte große Erfolg des ugandischen Nationaltrainers Burkhard Pape. Am 11. Oktober 1975, er war unterdessen Coach der Ägypter, schrieb er einen Brief an Idi Amin Dada. Er bedankte sich noch einmal für die »wunderbaren und vergnüglichen Tage« in Uganda und bedauerte, dass er nie mit dem Präsidenten auf Safari gehen konnte. »Goodbay your former Football Coach.«

Burkhard Pape zog weiter. Ägypten, Sri Lanka, Thailand, Indonesien, Tuvalu in der Südsee. [...]

 

*25.01.1971

© Verlag Hoffmann und Campe

Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur dankt dem Autor und dem Verlag für die die freundliche Bereitstellung des Textes. Auslassungen sind gekennzeichnet.

Bartholomäus Grill berichtet seit 18 Jahren für die Zeit aus Afrika und gehört zum afrikapolitischen Beraterkreis von Bundespräsident Horst Köhler. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Sein Bestseller Ach, Afrika wurde vom Spiegel als bestes deutschsprachiges Buch über den Kontinent gefeiert. Aber auch von fußballpraktischen Erfahrungen kann Grill berichten: Er hat in Johannesburg eine Jugendelf trainiert. Soeben bei Hoffmann und Campe erschienen: 

Bartholomäus Grill:
Laduuuuuma!
Wie der Fußball Afrika verzaubert

ISBN: 978-3-455-50121-6
Hoffmann und Campe, 2009
Preis: 20 Euro, 256 Seiten