Literatur

Süperlig. Die unerzählte Geschichte des türkischen Fußballs

von Tobias Schächter. Nominiert für das Fußballbuch des Jahres 2008 - mit Rezension von Michael Wulzinger

Tobias Schächter:

Süperlig. Die unerzählte Geschichte des türkischen Fußballs

ISBN: 978-3-462-03992-4
Kiepenheuer & Witsch, 2008
Preis 7,95 €, 192 Seiten

 Verlagsinfo

Deutscher Fußball-Kulturpreis 2008
Nominierung zum Fußballbuch des Jahres

von Michael Wulzinger (Der SPIEGEL)

 Es gibt einen Satz, der alles ausdrückt in dem vorzüglichen Buch von Tobias Schächter über den türkischen Fußball, und dieser Schlüsselsatz ist ein wörtliches Zitat: „Ich glaube, wir lieben es, den schweren Weg zu gehen.“ Gesagt hat ihn Fatih Terim, der Trainer der Nationalmannschaft, nachdem sein Team sich im vorigen November erst im letzten Spiel für die Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich qualifizieren konnte.

Den schweren Weg. Wie kein zweiter hat Terim, den sie den „Imparator“ nennen, den türkischen Fußball der letzten zehn Jahre geprägt. Er führte Galatasaray Istanbul als ersten Club des Landes im Jahr 2000 zu einem Sieg im Europapokal; er bescherte der Nationalmannschaft zwei Jahre später bei der WM einen frenetisch gefeierten dritten Platz; schließlich demonstrierte der impulsive Coach jüngst bei der Europameisterschaft – was Schächter bei der Niederschrift seines Buches freilich noch nicht wissen konnte – ein weiteres Mal all seine Fähigkeiten: Mit nicht zu überbietender Leidenschaft drangen seine Spieler bis ins Halbfinale vor.

Doch Terim, ein schillernder Egozentriker, verkörpert eben auch das Widersprüchliche und Rückständige, das den türkischen Fußball immer wieder lähmte: die anti-europäischen Ressentiments, einen latenten Hang zur Paranoia und die Eigenart, die Schuld für Scheitern und Versagen nur bei den anderen zu suchen. Ihren sichtbarsten Ausdruck fand diese verbohrte Weltsicht bei den skandalösen Attacken gegen Schweizer Spieler nach der gescheiterten WM-Qualifikation im November 2005.

Terim, der Anführer, und Terim, der Anstifter. Es ist vielleicht das größte Verdienst des Buches von Tobias Schächter, dass der Autor das Massenphänomen Fußball nicht als Ersatzreligion verklärt. Fußball ist für Schächter die Folie, hinter der sich ein Land voller Gegensätze abzeichnet, Faszinierendes wie Irritierendes. So beleuchtet er, wie sich der türkische Fußball mit der Verpflichtung zweier Trainer, des Deutschen Jupp Derwall und des Dänen Sepp Piontek, erstmals westlichen Einflüssen öffnete; er analysiert die Vormachtstellung der drei großen Istanbuler Vereine Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas; er beschreibt den grenzenlosen Fanatismus seiner Anhänger, für die ein Leben ohne Fußball der Kastration gleichkäme („ein Mann ohne Verein ist kein Mann“), und er schildert den ganz normalen Wahnsinn, den die Massenmedien alltäglich mit ihrem Gemisch aus reißerischer Aufmachung, wilder Spekulation und hemmungslosem Verschwörungseifer befeuern.

Vor allem aber stellt Schächter die richtigen Fragen: Was sagt die Instrumentalisierung des Fußballs durch die Politik über den autoritären türkischen Staat aus? Was lehrt die fehlende Distanz der Sportberichterstatter zu den Protagonisten des türkischen Fußballs über den Einfluss des Establishments und die Meinungsfreiheit? Inwiefern ist die Dominanz der „üc büyük“, der drei Istanbuler Großclubs, ein Spiegelbild der traditionellen Rivalität zwischen westlicher Metropole und anatolischer Provinz?

Der Journalist Tobias Schächter, der zeitweise in Istanbul gelebt hat, schreibt, dass der Fußball ihm „ein geeigneter Weg schien, diese merkwürdige, erst 1923 von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik besser zu verstehen“. Es ist ihm gelungen: Der Leser lernt. Das ist – ganz abgesehen vom Lesevergnügen – eines der größten Komplimente, das man dem Autor eines Sachbuches machen kann.