Südamerikas Fußball-Krise

Gerardo Molina Maddoni über die prekäre wirtschaftliche Lage im Profifußball Südamerikas

von Gerardo Molina Maddoni

Übersetzung: Jürgen Ramspeck

Während die Professionalisierung des Fußballs in Europa stetig voranschreitet, gibt es in anderen Fußballregionen der Welt noch Nachholbedarf – so auch in Lateinamerika. Der argentinische Kommunikationswissenschaftler Gerardo Molina Maddoni hat sich mit der aktuellen Situation des Profifußballs in Südamerika auseinandergesetzt: Eine kritische Bestandsaufnahme.

Der Profifußball steht in aller Welt vor der großen Herausforderung, die Führungsstrukturen in professionelle Hände zu legen. Das liegt vornehmlich daran, dass die Umsätze in der Sportindustrie und damit auch die Investitionsbereitschaft sprunghaft angestiegen sind. Die Führung der bedeutendsten Verbände, Vereine und Profiligen liegen nicht mehr in den Händen ehrenamtlicher Funktionäre, sondern bei professionellen Managern. Der Fußball in Lateinamerika hat diese Entwicklung schlicht verschlafen. Noch heute existieren gewaltige Widerstände gegen diesen aus ökonomischer Sicht eigentlich überlebensnotwendigen Wandel.

Amateurhafte Strukturen

In Lateinamerika sind die Vereine nach wie vor aus rechtlicher Sicht gemeinnützige Organisationen ohne Gewinnerzielungsabsicht. Dies verbietet ihnen grundsätzlich nicht, auch Budgets zu verwalten, die teils kaum unterhalb derer europäischer Spitzenclubs liegen. Allerdings werden die lateinamerikanischen Klubs noch heute in Strukturen geführt, die sich überhaupt nicht von den Zeiten unterscheiden, als Fußball noch ein reiner Amateursport war.

In Europa sind die Vereine heute im Prinzip Unternehmen. Es gilt ein Spektakel zu organisieren, das die emotionalen Bedürfnisse von Millionen Menschen befriedigt. Die Farben und Vereinswappen der Vereine sind aus ökonomischer Sicht Marken, deren Wert selbst von Wirtschaftsunternehmern neidisch betrachtet wird. Dieser Wert besteht in der einmaligen Möglichkeit, auf mystische Art und Weise Menschen zu verführen – generiert werden ein einmaliger Wiedererkennungswert und eine Verankerung innerhalb der Gesellschaft, wie es sonst nur Politik, Kunst oder Religion vermögen.

Die Sportvereine Lateinamerikas sind strukturell in etwa noch dieselben wie vor etwa einem Jahrhundert. Sie sollen der Gesellschaft in den Gemeinden und Städten als soziales Bindeglied dienen – ähnlich wie in Deutschland die Turnvereine Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vereine finanzierten und finanzieren sich vornehmlich aus Mitgliedsbeiträgen und aus Zuschauereinnahmen. Dazu gesellen sich heute besonders für die Spitzenclubs die Fernsehrechte, das Sportmarketing und die Erlöse aus der Werbeindustrie.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in Europa die Sicht auf den Profisport als „Produkt“ durchgesetzt. Die Stadionbesucher erwarten in den Stadien dieselben Dienstleistungen, die sie auch bei anderen Veranstaltungen erhalten: Sicherheit, Komfort, Logen und viele weitere Extras. Dagegen unterstützen die „Aficionados“, die heißblütigen Anhänger, in Südamerika ihren Club bedingungslos in einem Akt des Glaubens und der Leidenschaft.

Lateinamerika: Der Fußball irrt durch ein kulturelles und soziales Labyrinth

Der Fußball in Europa hat im Laufe der Globalisierung und Modernisierung die Führung und Strukturen professionalisiert und zwar auf Grundlage der Prinzipien Effektivität, Effizienz und Transparenz. Dies gilt für alle: Sportler, Angestellte, Lieferanten, Zuschauer, Berater, Spielervermittler, Fans und Vereinsmitglieder. Der Fußball in Lateinamerika geht dagegen durch eine Krise, die eng mit den profunden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Problemen der Länder in Amerikas Süden zusammenhängt.

Die Vereine stehen heute immer noch vor dem Problem einer mangelhaften Selbstverwaltung und sind strukturell zurückgeblieben. Trotz der steigenden Rekorderlöse aus Spielerverkäufen gelingt es nicht, das Budget zumindest auszugleichen. So besitzen zum Beispiel in Argentinien gerade einmal zwei der zwanzig Vereine der obersten Profiliga die wesentlichen Transferrechte an den eigenen Spielern. Diese Rechte gehören stattdessen Unternehmern oder Kapitalgesellschaften. Auch fehlen den Vereinen Konzepte und Strategien für nachhaltigen ökonomischen Erfolg. Ein Verständnis für Marktmechanismen fehlt praktisch völlig, um langfristig die Zukunft der Vereine zu sichern. Stattdessen regieren Unsicherheit und Zukunftsangst.

Wo gilt es aufzuholen?

Neben der wirtschaftlichen Sanierung der Vereine, muss man eine neue Zeit einläuten: Die biologischen Uhren der Vereinsoberen müssen mit den modernen Zeiten des weltweiten Sportmarktes in Einklang gebracht werden, in dem Millionen Sportbegeisterte schon heute leben. Dazu muss man die internen Strukturen der Verbände und Vereine genau analysieren. Mehrere Umfragen und Studien unter Beteiligung von über 400 Führungskräften aus ganz Lateinamerika haben eine Übersicht über die gröbsten Struktur-Mängel der Sportvereine ergeben:

  • Es gibt keine Organisationsstrategie.
  • Die mittel- oder langfristige strategische Vision ist stark eingeschränkt.
  • Die Mission des Vereins ist meist nicht definiert.
  • Die wichtigsten internen Kompetenzen sind unbekannt.
  • Es gibt keinen Businessplan oder Marketingplan.
  • Potenziell erfolgversprechende Projekte werden nicht umgesetzt, da es keine entsprechenden systematischen Prozesse gibt.
  • Es gibt kein Controlling oder Audits.
  • Die eigene Positionierung ist nicht definiert.
  • Man verwechselt „guten Willen“ mit echter Kompetenz in den entscheidenden Funktionen.
  • Man wendet Führungsmechanismen der Vergangenheit an und das in einer Gegenwart des turbulenten Wandels.
  • Die Mitarbeiter kennen keine Organisationskultur und verhindern somit solide und erfolgversprechende Teamarbeit.
  • Es gibt kaum eigene Verkaufskonzepte und keine Kontrolle von ausgelagerten Dienstleistungen und Produkten.
  • Es gibt praktisch keinen systematischen Verbesserungsprozess.
  • Interne und externe Kommunikation werden nicht mit Überzeugung geführt.

Es geht um das Überleben

Im Fußball in Lateinamerika herrschen eklatante organisationsstrukturelle Defizite in der Führungsebene und in der Verwaltung. Es mangelt an der systematischen Umsetzung von Ideen, Projekten und Strukturen. Stattdessen werden diese meist „auf gut Glück“ realisiert. Die Vereine benötigen dringend eine professionelle, moderne Führungsarbeit. Nur unter dieser Voraussetzung ist an eine erfolgreiche Zukunft des lateinamerikanischen Fußballs überhaupt zu denken.

 


Gerardo Molina Maddoni
, geboren 1967 in Buenos Aires, ist Berater für Sportmarketing. Der Kommunikationswissenschaftler studierte unter anderem in Buenos Aires und Harvard und war Mitbegründer des ersten Studiengangs für Sportökonomie in Lateinamerika. Unter anderem verfasste er die Bücher „Das Ende des Sports“ und „Marketing Deportivo“.