Südafrika - Stolz und Vorurteil

Die Berichterstattung zur anstehenden Weltmeisterschaft ist geprägt von Skepsis. Das Vertrauen in die Organisation fehlt - vor allem in Deutschland. Ronny Blaschke appelliert die Kulturen nicht zu verwechseln. Auch die afrikansiche Gelassenheit wird zu einer erfolgreichen WM führen.

von Ronny Blaschke

22. Juni 2009


 

Der Sportjournalist Ronny Blaschke berichtet derzeit für verschiedene deutsche Zeitungen vom Confederations Cup in Südafrika. Wie schätzt er aktuell die Vorbereitungen auf die WM 2010 ein? Nicht alles ist so schlecht, wie es in den ausländischen Medien dargestellt wird.

JOHANNESBURG. Die Schlagzeile war nicht zu übersehen. "Und hier soll die WM stattfinden?", titelte ein deutscher Boulevardreporter, die Antwort gab er sich selbst: "Es besteht Lebensgefahr!" Beweise? Der Journalist besuchte den Ellis Park in Johannesburg, eines von zehn Stadien für die Weltmeisterschaft 2010. Er entdeckte 1,5 Zentimeter lange Schrauben, die aus dem Boden herausragen, er erspähte Beton, der nicht sauber geglättet war, er maß zwischen den Sitzreihen zu wenig Beinfreiheit aus. Wie werden seine Leser wohl reagieren, die nie in Südafrika gewesen sind?

Sizwe Mdebe hat eine Vermutung: "Viele Deutsche werden Afrika für rückständig und seine Bewohner für unfähig halten." Mdebe, geboren und aufgewachsen in Südafrika, kennt beide Perspektiven, er hat als Schüler ein Jahr in Deutschland verbracht, seit einigen Jahren betreibt er in Kapstadt eine Internetseite über Fußball. Stundenlang sucht er in ausländischen Portalen nach Eindrücken über seine Heimat. "Die Europäer glauben viel zu wissen, ohne viel zu fragen." Er würde die Probleme seines Landes nie leugnen, die Kriminalität, die Armut, die Nachwehen der Apartheid, die schlechte Infrastruktur. "Das ist schlimm, keine Frage. Aber man darf Südafrika nicht auf seine Sorgen reduzieren."

Eine Woche ist der Confederations Cup alt, die sportlich wertlose Generalprobe der WM. Die Organisatoren wurden mit kleinen und großen Herausforderungen konfrontiert, mit einem Diebstahl im Hotel der ägyptischen Mannschaft, einem überlasteten Transportsystem, streikenden Ordnern. "Ein Gastgeber muss seine Rolle erst finden", findet Sizwe Mdebe, 27. In Frankfurt war während des Confederations Cup 2005 das Stadiondach defekt, Wassermassen schossen auf den Rasen. Ein vergleichbarer Vorfall in Johannesburg würde weltweit Empörung auslösen. "Die Südafrikaner werten ausländische Medien genau aus", sagt Martin Schäfer, Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Pretoria. "Am negativsten berichten die Deutschen." Die Südafrikaner müssen sich nicht nur gegen logistische Unwägbarkeiten stemmen, sondern auch gegen den Eurozentrismus ihrer kritischen Beobachter. "Die kommen mir ihren Maßstäben zu uns", sagt Sizwe Mdebe. "Warum lassen sie sich nicht einfach auf die afrikanische Kultur ein?"

Es ist spannend zu beobachten, wie zwei Mentalitäten auf engem Raum aufeinander prallen. Auf der einen Seite das Streben nach Perfektion des Weltfußballverbandes Fifa und die beharrliche Suche der ausländischen Medien nach Schwächen des Gastgebers. Auf der anderen Seite die Gelassenheit der Südafrikaner, die Zuversicht, der Wunsch nach Anerkennung. "Für viele Menschen hier ist es sehr verletzend, dass andere Nationen ihnen so wenig zutrauen", sagt Horst R. Schmidt, Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes und Berater der WM-Organisatoren in Johannesburg.

In Südafrika fokussiert sich die höchste Form der Anmaßung auf ein Geräusch, das wie eine Horde aufgebrachter Elefanten klingt. Der spanische Spieler Xabi Alonso möchte die Plastiktrompeten Vuvuzela, die in jedem südafrikanischen Haushalt zu finden ist, verbieten lassen. Auch einige Fernsehstationen fühlen sich von den Tröten genervt. "Das ist Teil unserer Geschichte", sagt Sizwe Mdebe, er würde auch nicht nach Spanien reisen, um gegen Stierkämpfe zu protestieren. Die Wurzeln der Vuvuzela liegen Jahrhunderte zurück, Stämme hatten mit dem Geräusch ihre Versammlungen eingeleitet. Dieses Ritual soll die Fifa über Nacht verbieten? Warum stellen die Fernsehsender nicht einfach ihre Außenmikrofone herunter?

Eine Debatte wie diese reißt alte Gräben auf. "Vielleicht haben die Europäer nicht gemerkt, dass sie nicht mehr unsere Kolonialherren sind", schrieb die südafrikanische Zeitung The Weekender. Wer drei oder vier Spiele erlebt hat, sehnt sich nicht nach dem Niederbrüllen der gegnerischen Fans in Europa zurück. Die Zuschauer des Confederations Cup in Johannesburg, Pretoria, Rustenberg, Bloemfontein trommeln, tanzen, tröten. Zeigen stolz ihre bemalten Gesichter, gebastelten Kostüme, ohne einen Funken Aggression. Darunter Weiße, die in der Vergangenheit zum Rugby und Kricket gegangen waren. Was Gastfreundschaft, Animation, Identifikation betrifft, brauchen sich die Südafrikaner vor keinem früheren WM-Gastgeber verstecken.

Ein Jahr bleibt bis zum Eröffnungsspiel der WM, Zeit, um Probleme zu thematisieren wie die explodierenden Organisationskosten und die knappen Übernachtungskapazitäten. Aber bleibt auch Zeit, um Finten von einst zu korrigieren? "Für uns stand nie zur Debatte, dass die Stadien nicht fertig werden", sagt Robert Hormes aus dem Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner, das an den Bauten in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth mitgewirkt hat. "Wer nach Südafrika kommt, muss bereit sein für Improvisationen." Mehr als 2500 Arbeiter werkeln an der Arena in Kapstadt, viele sind ungelernt, in Deutschland würde die Hälfte reichen.

Es gab Streiks, falsche geologische Gutachten, Pannen auf dem Bau. "Normale Probleme, für die wir eine Antwort haben." Im Dezember, sieben Monate vor Anstoß, werden alle zehn WM-Stadien fertig sein. Das wollte Robert Hormes einem Fernsehteam aus Deutschland mitteilen. Zwei Tage wurde er gefilmt, am Ende war er in dem Beitrag wenige Sekunden zu sehen. Der Rest war reserviert für Südafrikas Armenviertel, für Morde, Aids und Rassismus.

Ronny Blaschke

Ronny Blaschke lebt als Freier Sportjournalist in Berlin. Er schreibt u.a. regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Zeitung, die Financial Times Deutschland und Spiegel online. Sein erstes Buch, "Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball", errang den Akademie-Preis Fußballbuch des Jahres 2007. 2008 erschien "Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban". Ronny Blaschke ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Mehr: www.ronnyblaschke.de