Literatur

Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei

von Thomas Brussig. Nominiert für das Fußballbuch des Jahres 2008 - mit Rezension von Bernd Gäbler

Thomas Brussig

Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei

ISBN: 9783701714810
Residenz Verlag, 2007
Preis: 12,90 €, 96 Seiten

 Verlagsinfo

Deutscher Fußball-Kulturpreis 2008
Nominierung zum Fußballbuch des Jahres

von Bernd Gäbler (Dozent für Journalistik)

Die Tragik des Schiedsrichters
Das Fußballbuch des Jahres ist eine Philippika

Er macht sich Luft – endlich! Aus der grundsätzlichen Tragik seiner Existenz drängt ein sprudelnder, aber präziser Wortschwall hervor: keineswegs eine Litanei, wie der Untertitel fälschlich suggeriert. Die stellen wir uns öde, eintönig und endlos vor, hier aber haben wir es mit einer Philippika zu tun: glasklar, aggressiv und ungehemmt.

Leicht ist es, über große Ereignisse zu schreiben, über Triumphe und Tragödien, über Helden des Sports oder dessen Hinter- und Abgründe, die akribisch zu enthüllen sind. Dieses Buch ist anders: hier hat einer dem Unscheinbaren eine Stimme gegeben, dem Schiedsrichter, der auf ewig dazu verdammt zu sein scheint, ein Neutrum zu sein inmitten einer Welt furioser Leidenschaften. „Als der beste Schiedsrichter gilt derjenige, den man gar nicht merkt“, weiß Uwe Fertig, FIFA-Schiedsrichter und Versicherungsvertreter, der gerade aus einem absurd-tragischen Gerichtsprozess kommt und auf dem Weg zu seinem Auto den Vorplatz diagonal quert als sei er ein Fußballfeld, oder eben jener „Boden einer Schuhschachtel“, die aus Wänden vom Lärm besteht. So kommen Uwe Fertig die modernen Arenen vor. Darin soll der nicht Bemerkbare gleichwohl eine „erkennbare Linie“ verfolgen, eine Atmosphäre von Präsenz und „restloser Kontrolle“ erzeugen. Nur durch eine Fehlentscheidung könnte er unsterblich werden. Und doch darf er nie dieser Versuchung folgen. Gegen die Straßen- und – schlimmer noch – die „Tankstellen-Meinung“, Schiedsrichter seien herrschsüchtige Bürokraten oder eitle Pedanten, gar die letzten absolutistischen Herrscher, kämpft er an – schließlich geht es um seine Selbst-Behauptung.

Was dem Chirurgen das Skalpell, ist dem Unparteiischen die Pfeife, ist dem Dichter Thomas Brussig das Wort.

Er leiht es seiner Figur. „Erregung ist der Kerngedanke des Fußballs“, denkt Uwe Fertig, eigentlich ein „feinfühliger Virtuose der Tatsachenentscheidung“ – und erregt sich: über die Absurdität moderner Schein-Kommunikation, über die theatralischen Lügengebäude auf dem Platz, über die Inkompetenz der Massen. Das sind herrliche Passagen! Aber gründlich irrt, wer glaubt, dieser leichtfüßige Text sei ohne Abgründe. Da wird der glatzköpfige italienische Star-Schiedsrichter mal eben in eins gesetzt mit Edvard Munchs Jahrhundertbild, der „roten Karte“ gar ein „Hauch von Auschwitz“ attestiert.

Thomas Brussig, Autor des bislang bedeutendsten Wenderomans, Verfasser von Drehbüchern zu „Sonnenallee“ und „Heimat IV“, ist ein Freund und Kenner des Fußballs. Er beobachtet den Schiedsrichter, indem er ihn verständlich macht. Mit seinem Text geht es uns so wie dem Schiedsrichter mit dem Spiel: „Auch wir werden in das Spiel hineingezogen, ob wir wollen oder nicht, wir werden in das Spiel hineingetrieben, werden vom Spiel verschlungen.“ (S.59) Und merken: es geht um Grenzen und Flucht, Leben und Tod, Verantwortung und Anmaßung.