Rückpass zu Robert

6. September 2012: Ein signierter Ball erinnert Filmemacher Aljoscha Pause an Robert Enke.

Beim Stöbern im Keller findet Aljoscha Pause einen von Nationaltorhüter Robert Enke signierten Fußball. Anlässlich des Länderspiels in Hannover gibt es den nun zu  ersteigern - der Erlös geht an die  Robert-Enke-Stiftung.

Rückpass zu Robert – Erinnerungen an Robert Enke

(Die Geschichte dieses Balles - Erschienen bei  www.spox.com)

Von Aljoscha Pause  

Im Keller neben dem Schneideraum befinden sich mein Tape-Archiv und eine Souvenirsammlung. In gut 16 Jahren Film- und Fernseharbeit ist schon einiges zusammen gekommen. Die wichtigsten Dinge bewahre ich dort auf. Als ich vor Kurzem nach einer älteren Reportage suchte, fiel mir ein Ball vor die Füße, der im selben Regal lagerte. Unwillkürlich schossen mir Assoziationen durch den Kopf. Dieser Ball löste in mir Erinnerungen aus, die teilweise fast 15 Jahre zurück reichten. Erinnerungen an Robert Enke. Und ich dachte, es sei gut, diesen Ball aus dem Keller heraus zu holen. Denn es ist gut, sich an Robert Enke zu erinnern. An sein schlimmes Schicksal, seine – nach wie vor – tabuisierte Krankheit, zu Allererst aber an den warmherzigen, menschenfreundlichen und bodenständigen Zeitgenossen und den herausragenden Fußball-Torwart.

Schon im Juni 2010 war mir aufgefallen, wie schnell Vergessen und Verdrängen vonstatten gehen. Enkes Tod lag ein halbes Jahr zurück, der mediale Zirkus, der damit einher gegangen war, war längst verebbt. Die letzte Talkshow über das Tabuthema Depressionen war gesendet. Der mediale Durchlauferhitzer mit den immer gleichen Halbwertzeiten köchelte längst ein ganz anderes Süppchen. Als die Weltmeisterschaft in Südafrika begann, sprach keiner mehr von Robert Enke. Der – wenn alles nach dem sportlichen Plan gelaufen wäre – anstelle von Manuel Neuer im deutschen Tor gestanden hätte. Vermutlich hätte er mit Deutschland Platz 3 errungen, wenn ihn 6 Monate zuvor nicht die Kraft verlassen hätte.

Als ich den Ball in den Händen hielt, dachte ich an die halbstündige Reportage, die ich Anfang 2003 in Barcelona mit Enke gedreht habe. Es war der 23. Januar, ein Tag vor meinem Geburtstag. Nach dem Ende der Dreharbeiten gingen wir gemeinsam mit Roberts Frau Teresa, seinem Berater und Freund Jörg Neblung und meinem Team essen und feierten  zusammen in meinen 31. Geburtstag rein. Robert war damals 25. Barcelona sollte nach Mönchengladbach und drei Jahren bei Benfica Lissabon, wo er unter Jupp Heynckes bereits Mannschaftskapitän gewesen war, der perfekte nächste Karriereschritt werden. Trainer Louis van Gaal hatte ihm vor dem Wechsel zu Barca den Posten als Nummer 1 in Aussicht gestellt, doch nun zog er das junge Eigengewächs Víctor Valdés vor. In dieser Zeit begann es Robert schlecht zu gehen. Das weiß ich heute. Damals war davon nichts zu spüren. Nicht für mich jedenfalls. Er war verbindlich, freundlich – so wie ich ihn viele Jahre zuvor in Mönchengladbach kennen gelernt hatte.

Als junger Reporter war ich für das DSF für die Berichterstattung über Borussia Mönchengladbach zuständig gewesen. Fast 5 Jahre lang, von 1996 bis 2001, berichtete ich schwerpunktmäßig vom Bökelberg. Nachdem sich Uwe Kamps zu Beginn der Spielzeit 1998/99 schwer verletzt hatte, wurde der erst 20-jährige Robert Enke kurzerhand zur Nummer 1 erklärt. Trotz teilweise überragender Leistungen kassierte er in dem Jahr 79 Gegentore. Borussia wurde Tabellenletzter und stieg erstmals aus der Bundesliga ab. Die Fans hatten Enke, der frühzeitig seinen Vereinswechsel zum Saisonende bekannt gegeben hatte, neben ein paar anderen Spielern, öffentlich zum Verräter erklärt. So machten sie ihm die letzten Wochen in Mönchengladbach richtig schwer. Den jungen Torwart Enke traf keinerlei Schuld am Abstieg. Er hatte in einer desolaten Gladbacher Mannschaft immer seine Leistung gebracht, er hatte gerettet, was zu retten war. Er war immer fair und offen mit Verein und Fans umgegangen – und erntete nun diese Reaktion. Die Enttäuschung darüber saß tief, wie er mir später verriet. Zum ersten Mal war er mit den jähen, irrationalen und hässlichen Seiten des Fußballs in Berührung gekommen.

In den folgenden Jahren habe ich Robert mehrere Male für DSF, Sat.1 und Premiere in Lissabon und Barcelona besucht und mit ihm das ein oder andere Portrait gedreht. Im Herbst 1999 flog ich das erste Mal nach Lissabon. Diese Reise werde ich nie vergessen, da meine Freundin Caro mit mir nach Portugal kam. Wir waren erst ein paar Wochen zusammen und es war eine tolle Zeit. Robert und Teresa erzählten uns beim gemeinsamen Abendessen von ihren Zukunftsplänen. Sie heirateten im darauf folgenden Jahr 2000 – genau wie Caro und ich.

Als Robert wieder in Deutschland spielte, haben wir uns leider ein wenig aus den Augen verloren. Ab und zu trafen wir uns bei Bundesligaspielen im Stadion, wenn ich als Fieldreporter eingesetzt war. Ich verfolgte aus der Ferne die Tragödie um seine Tochter und war – wie viele Menschen – fassungslos, als mich im November 2009 die Nachricht von seinem Tod erreichte.

Natürlich wurde in der Folge sehr viel öffentlich über psychische Erkrankungen gesprochen. Zuviel, konnte man im Zuge des ersten Hypes meinen. Doch war es vielleicht nur die Schlagzeilen orientierte, zuweilen populär wissenschaftliche Sprache der Medien, die uns das denken ließ. Und unsere inneren Verdrängungsmuster. Nach einer Phase des Trauerns sollte das heikle Thema endlich wieder in der Tiefe des kollektiven Unterbewusstseins versenkt werden. Schließlich haben wir alle gewisse Berührungsängste.

Kein Mensch ist dauerhaft völlig frei von mentalen Schwankungen und viele haben – bewusst oder unbewusst – tief wurzelnde Blockaden, sich mit der Thematik zu befassen, fast, als könne man sich dabei anstecken. Auch ich spüre beim Schreiben dieses Textes etwas von einer solchen Blockade. Da möchte ich ganz ehrlich sein. Aber soll ich es deshalb sein lassen, die Erinnerung wegdrücken, das Thema ausblenden? Depressionen sind nicht ansteckend. Also kann man darüber sprechen. Je mehr man das tut, desto mehr Menschen werden sich möglicherweise trauen, in psychisch bedrohlichen Situationen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen oder offener mit ihrer Lage umzugehen.

An dieser Stelle möchte ich den Ball zu Robert Enke zurück spielen. Den Ball, der so etwas wie ein Nebendarsteller der Reportage war, die ich damals in Barcelona mit Robert gedreht habe - und den er am Ende signiert hat.

Ich dachte mir, es gäbe Sinnvolleres als ihn im Keller meiner Souvenirs und Arbeitsutensilien auf zu bewahren. Deshalb möchte ich ihn gerne versteigern. Mit dem Erlös können wir die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung unterstützen. Zwar ist das nur ein kleiner Beitrag. Aber ich denke, dass jede Aktion einen Sinn ergibt, die Anlass bietet, über dieses Thema zu sprechen. Schon allein deshalb wäre es toll, wenn viele Leute mitmachen, mit bieten und die Auktion publik machen.