Randalieren für das Serbentum

15. Oktober 2010: Prekariat aus Schlägern und Kriminellen

Die Presse zeigt sich erschüttert über den Spielabbruch in Genua und sieht politische Motive als Auslöser der Krawalle. Tom Mustroph ( die tageszeitung) beleuchtet den vermeintlichen Beginn der Krawalle: „Als Auslöser gelten Straßenschlachten ultranationalistischer Schläger mit der Polizei am Montag in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Sie hatten erst erfolglos die dortige „Gay Parade“ attackiert und waren dann auf diverse Parteibüros umgeschwenkt. 250 Personen wurden nach Informationen serbischer Medien festgenommen. Die Gewalttäter werden sowohl der klerikal-faschistischen Bewegung Obraz als auch der ultrarechten Hooligan-Szene zugerechnet. Vor allem der Hooligan-Teil, der Roter Stern Belgrad nahesteht und einst mit den paramilitärischen Banden des Kriegsverbrechers Arkan verbunden war, lieferte sich nun in Genua eine Art Nachfolgeschlacht. Es war, so hieß es, das erste große Spiel, das serbische Fans ohne Visumpflicht besuchen konnten.“

Jan Reschke ( Spiegel Online) zeigt sich verwundert über die Teilnahmslosigkeit der Ordnungskräfte: „Die Situation hatte schon fast etwas Skurriles: In aller Seelenruhe klettert ein vermummter serbischer Anhänger vor dem Spiel auf den Zaun des Stadion Luigi Ferraris in Genua. Oben angekommen, holt er einen Seitenschneider hervor und macht sich daran, das Fangnetz, das normalerweise Wurfgeschosse vom Platz fernhalten soll, durchzuschneiden. Das kaputte Netz reißt er anschließend mit Gewalt herunter. Als er seine Vorbereitungen, von Ordnern unbehelligt, abgeschlossen hat, beginnt das Inferno: Aus dem mit rund 1600 serbischen Fans besetzten Tribünenabschnitt fliegen erste Brandgeschosse. Obwohl die Situation schon vor dem Anpfiff zu eskalieren droht, pfeift der schottische Schiedsrichter Craig Thomson die Partie nach 25-minütiger Verspätung an. Die serbischen Nationalspieler hatten ihre Anhänger zu diesem Zeitpunkt so weit beruhigt, dass der Referee ein geordnetes Spiel für möglich hielt. Doch nach noch nicht einmal sieben Minuten fliegen wieder Feuerwerkskörper.“

Julius Müller-Meiningen ( Berliner Zeitung) beschäftigt sich mit einem serbischen Spieler, der besonders im Fokus stand: „Bereits vor dem Spiel war der serbische Torwart Vladimir Stojkovic von Ultras im Mannschaftsbus mit Feuerwerkskörpern angegriffen worden. Stojkovic spielte zu Beginn seiner Karriere bei Roter Stern Belgrad und wechselte diesen Sommer zum Lokalrivalen Partizan Belgrad. Seither ist er beim harten Kern der Fans verhasst. Bereits bei der 1:3-Heimpleite vorigen Freitag gegen Estland wurde Stojkovic bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. Nach der Attacke in Genua ließ er sich von Zeljko Brkic vertreten.“

Michael Martens ( Frankfurter Allgemeine Zeitung) weiß um die politische Herkunft der Randalierer: „In den neunziger Jahren waren es Menschen von diesem Schlage, die unter dem Gewaltherrscher Slobodan Miloševic die alleinige Macht hatten in Belgrad. Serbien wurde von einem Prekariat aus Kriminellen und Schlägertypen beherrscht, die Anständigen hatte sich zu ducken. Diese Minderheit ist immer noch vorhanden. Da sie zehn Jahre nach dem Sturz Miloševics jedoch an den Rand gedrängt ist, können ihre Anführer sich nur noch selten so in Szene setzen wie dieser Tage in Belgrad und in Genua.“