Neuer Stolz am Kap

Bartholomäus Grill ist Afrika-Experte und wird 2010 WM-Sonderberichterstatter der ZEIT sein. Er gibt vorab Einblicke in die sportliche Perspektive des Gastgebers und korrigiert das etwas einseitige Bild in der Berichterstattung westlicher Medien.

Neuer Stolz am Cup

von Bartholomäus Grill

erschienen in DIE ZEIT, 10.06.09

 

In Südafrika beginnt am 14. Juni der Confederations Cup, die Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Über die Vorbereitungen auf das Weltereignis Fußball-WM hört man in Europa kaum Positives. Und noch viel weniger erfährt man über die Mannschaft des Gastgeberlandes Südafrika.
Der Afrika-Experte und ZEIT-Redakteur Bartholomäus Grill weiß mehr zu berichten.

„Eiiiiiiiiish!"

Wie stehen eure Chancen? Nach dieser Frage entfährt den Südafrikanern in der Regel ein langgezogenes „Eiiish“. Es ist ein Ausdruck der Verwunderung oder des Bedauerns, und bei Nelson Rashavha klingt er besonders langgezogen. „Eiiiiiiiiish!“, stöhnt er, „unsere Jungs haben Null Chancen.“ Rashavha muss es wissen, er ist der Büroleiter von Kickoff, dem Fußball-Zentralorgan, das am Kap so mächtig ist wie hierzulande der Kicker.

Diese Woche beginnt in Südafrika der Confederations Cup, die Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Acht Teams sind dabei, und die einheimischen Fans befürchten, dass sich ihre Nationalelf gegen den Weltmeister Italien und kontinentale Champions wie Brasilien oder Spanien böse blamieren könnte. Denn sie spielt grottenschlecht und dümpelt in der Weltrangliste auf Platz 72. „Bei diesem Turnier herrschen andere Gesetze“, warnt Rashavha und schaut auf das bunte Wandgemälde an der Stirnseite seines Büros. Ein afrikanisches Idyll: sanfte Hügelketten, davor die Savanne, Schirmakazien, ein Schulhof, in dem fröhliche Buben kicken. „So nett wird’s beim Confed Cup nicht sein.“

 

„Ke Nako"

Aber Rashavha freut sich, dass es endlich losgeht. Und dass die ewigen Afropessimisten demnächst widerlegt werden. Ein Weltcup auf diesem Katastrophenkontinent? Die Südafrikaner schaffen das doch nie, das ist ihnen zwei Nummern zu groß, prophezeiten sie. Und überhaupt: Die Gewaltkriminalität. Die ungelöste Transportfrage. Das Chaos auf den Großbaustellen. Die Stromausfälle. „Ich kann es nicht mehr hören“, sagt Christian Stiegler, ein Projektmanager, den der DFB entsandt hat, um das südafrikanische Organisationskomitee zu beraten. „Als Oliver Bierhoff bei der WM-Gruppenauslosung in Durban beklaut wurde, kam das in den Heute-Nachrichten. Unglaublich, wie jedes kleine Problem aufgeblasen wird.“ Selbst der Weltfussballverband FIFA nährte die Zweifel, als er Port Elizabeth von der Liste der Spielorte strich, weil das Stadion bis zum Confed Cup angeblich nicht fertig sein würde. Eine peinliche Fehlentscheidung. Denn ausgerechnet diese Arena wurde vor ein paar Tagen mit Trommeln und Trompeten eingeweiht.

Die Klischees und Vorbehalte sind zählebig. Obwohl die Südafrikaner das „Wunder am Kap“ vollbracht und das Unrechtsregime der Apartheid friedlich überwunden haben, traut man ihnen einfach nichts zu. Im Norden hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, wie reibungslos sie Großturniere wie die Rugby-WM oder den Cricket-Worldcup abgewickelt haben. Nun legen sie all ihren Ehrgeiz in das größte Sportspektakel der Welt, und es geht dabei nicht nur um eine PR-Kampagne für ihre Regenbogen-Nation, sondern um den Stolz und das Selbstwertgefühl eines ganzen Kontinents. „Ke Nako, Celebrate Africa’s Humanity“ heißt das Motto. Es ist Zeit, lasst uns die Menschlichkeit Afrikas feiern, wir gehören zur Weltfamilie!

 

„’n Boer maak ’n plan"

Natürlich müssen noch jede Menge Schwierigkeiten überwunden werden. Großes Kopfzerbrechen bereitet nach wie vor die Transportfrage. Auch die Vermarktung der Megashow ist bislang ziemlich dilettantisch. Man merkt nicht, dass im nächsten Jahr die Welt zu Gast ist, und muss lange nach dem Maskottchen Zakumi suchen, einem kleinen grünen Leoparden. Es gibt kaum Werbung, entsprechend verhalten ist die Begeisterung. Das Ticketing übers Internet und am Bankschalter ist für die Menschen aus den Townships viel zu kompliziert, es passt nicht zu ihrer Kultur; man kauft die Karten normalerweise in allerletzter Minute direkt am Stadion. Aber wo immer es eng wird, gilt die landesübliche Losung ’n Boer maak ’n plan – ein Bauer hat immer einen Plan. Das heißt soviel wie: Sorgt euch nicht, alles wird gut.

Bessere Spieler kann man mit solchen Parolen allerdings nicht herbeizaubern. Die Südafrikaner bieten mittelmäßigen Schlafwagenfußball und leiden, weil ihnen der internationale Vergleich fehlt, an maßloser Selbstüberschätzung. Der schnörkellose, vertikale Tempofussball, das moderne One-Touch-Spiel, sei am Kap noch nicht angekommen, befindet Mushin Ertugral, Ex-Trainer der Kaizer Chiefs. Der berühmteste Verein im Lande mit 15 Millionen Fans würde irgendwo im Mittelfeld der zweiten Bundesliga herumkrebsen.

 

„Bafana bafana?"

Ein neuer Name für Nationalelf muss her, fordern Spitzenfunktionäre. Denn Bafana Bafana, wörtlich „die Jungs“, flöße dem Gegner wenig Furcht ein. Zuallererst aber bräuchte das Team einen neuen Trainer, einen schwarzen Klinsi, der es trotz seiner beschränkten Möglichkeiten mitreißt. Aber der Chefcoach heißt Joel Santana, ein Brasilianer, der ziemlich ideenlos ist und und kein Wort Englisch spricht. Er hat nicht einmal Richard Henyekane, den Torjäger der abgelaufenen Saison, in den Kader berufen. Wenn seine Auswahl weiterhin so miserabel spielt, wird sie die Vorrunde im nächsten Jahr nicht überstehen. Was das für die Stimmung im Gastland bedeutet, hat man bei der WM 1990 in Italien erlebt.

Aber jetzt ist erst mal Anpfiff zur Mini-WM. Das Leder rollt. Und am Ende stolpern eh wieder die Italiener zum Turniersieg.

 

© DIE ZEIT, Nr. 25, 10.6.09

Bartholomäus Grill ist Afrika-Experte und Sonderberichterstatter der ZEIT bei der Fußball-WM 2010. Er war bis Mai 2009 im Afrika-Beraterkreis von Bundespräsident Horst Köhler. In Johannesburg hat er eine Jugendmannschaft trainiert. Sein Bestseller "Ach, Afrika" wurde vom Spiegel als bestes deutschsprachiges Buch über den Kontinent gefeiert. Seit September 2008 ist er Herausgeber der
AFRICAN TIMES, der ersten Zeitung aus Deutschland für Afrika in englischer Sprache.
Zur Zeit schreibt er ein Buch über Fußball in Afrika. "Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert" erscheint im November 2009.